Strafsache Struwwelpeter

struwwelpeter

„Wir wollen Anzeige erstatten, gegen Unbekannt“, sagte die Mutter. Kommissar Knülleberg stellte seinen Kaffeebecher ab. Hat es was mit denen zu tun?“, fragte er und wies auf die verbundenen Hände des Achtjährigen.
„Natürlich“, sagte die Mutter. „Vor drei Tagen war ich außer Haus, da ist jemand bei uns eingedrungen und hat Leon-Kevin hier die… die Daumen abgeschnitten.“
Knülleberg schüttelte den Kopf. „Furchtbar. Haben Sie eine Ahnung, wer es sein könnte?“
„Nein“, sagte die Mutter. „Wer sollte auch so etwas tun?“
„Der Schneider mit der Scher“, sagte Leon-Kevin, und die Mutter machte: „Psst!“
„Was?“, fragte Knülleberg.
„Ach, nichts“, sagte die Mutter. „Er behauptet nur seit dem Vorfall, ein Schneider mit einer großen Schere habe ihm die Daumen abgeschnitten.“
„Der Schneider mit der Scher, hm…“ Knülleberg nahm nachdenklich einen Schluck aus dem Kaffeebecher.
„Achten Sie nicht drauf“, sagte die Mutter. „Er ist noch etwas verwirrt.“
„Na schön.“ Knülleberg stand auf und hielt der Mutter seine Hand hin. „Ich kümmere mich drum. Geben Sie bitte noch meiner Kollegin, Fräulein Stein, ein paar Angaben zu Ihrer Person. Wir kümmern uns drum und rufen Sie an, sobald wir mehr wissen.“
Als Mutter und Kind verschwunden waren, sinnierte Knülleberg eine Weile vor sich hin. Irgendwo, dachte er, hatte er diese Formulierung schon einmal gehört. „Der Schneider mit der Scher…“, murmelte er vor sich hin. „Der Schneider mit der Scher…“
Dann warf er seinen Computer an (er war eigentlich gegen all dieses neumodische Computerzeug) und googelte die Formulierung. Zwanzig Minuten später hörte seine Kollegin Fräulein Stein ein aufgeregtes Rufen aus dem Büro Knüllebergs. Sie klopfte an und trat ein. Knülleberg saß mit großen Augen vor seinem PC und winkte sie ungeduldig herbei.
„Schauen Sie sich das an, Fräulein Klein“, sagte er. Auf dem Schirm war eine Art Bildergeschichte zu sehen.
Knülleberg las mit düsterer Stimme die Bildunterschrift vor: „Bauz! da geht die Türe auf, / Und herein in schnellem Lauf / Springt der Schneider in die Stub‘ / Zu dem Daumenlutscherbub. / Weh! Jetzt geht es klipp und klapp / Mit der Scher die Daumen ab… Fällt Ihnen etwas auf, Fräulein Klein?“
„Ja…“, sagte Fräulein Klein. „Das ist genauso, wie es der kleine Leon-Kevin erzählt hat. Wo haben Sie das gefunden?“
„Es handelt sich um ein altes Kinderbuch, mit Namen ‚Der Struwwelpeter‘.“
„Unglaublich“, sagte Fräulein Klein. „Darf ich mal sehen?“
Sie rollte etwas weiter hoch, zu Bildern von verstümmelten, ertrinkenden und verhungerten Kindern. „Unglaublich“, sagte sie wieder. Doch dann sprang ihr etwas ins Auge. „Moment, Herr Kommissar“, sagte sie. „Schauen Sie hier!“
„Ja, in dieser Geschichte geht es um ein Mädchen, das mit Streichhölzern spielt und zu Asche verbrennt.“
„Fällt Ihnen denn nichts auf?“
„Was soll mir auffallen?“
„Ist nicht vor ein paar Monaten die kleine Jocelyn-Fabienne Meckenroth verbrannt..?“
„Ja, aber das war ein Unfall! Sie hat eben gezündelt.“
„Schauen Sie, Herr Kommissar, hier unten. Zwei Katzen.“
„Um Himmels Willen, ja! Ich erinnere mich! Das einzige Rätsel bei diesem Fall waren die zwei Katzen der Meckenroths. Die waren im Schrank eingeschlossen und erstickt vorgefunden worden.“
„Ein Zufall?“, fragte Fräulein Klein.
„Ich glaube kaum.“ Der Kommissar schaute seiner Kollegin in die Augen. „Fräulein Klein, ich glaube, wir sollten da dranbleiben.“
„Auf jeden Fall, Herr Kommissar. Aber wollen Sie es nicht vorher Hauptkommissar. Gordon sagen?“
„Letztendlich werde ich das müssen, Fräulein Klein. Aber bis dahin brauche ich harte Beweise. Bislang haben wir ja nur einen sehr skurrilen Zufall.“
„Das heißt, Sie werden versuchen der Sache auf den Grund zu gehen?“
Knülleberg nickte bedeutungsschwanger. „Darauf können Sie Ihr bezauberndes Gesäß verwetten.“
„Ach, Sie“, sagte Fräulein Klein und kicherte schulmädchenhaft.

Fräulein Hein wollte das Revier gerade verlassen, da kam Kommissar Knülleberg an ihren Schreibtisch. In der Hand trug er ein paar Akten. „Schauen Sie, Fräulein Hein“, sagte er. „Da steckt definitiv ein Muster dahinter.“
„Zeigen Sie.“
„Hier, vor einem knappen Jahr, der Fall Melvin-Wynton Schiefelbein. Ein siebenjähriger Junge, der von einem Hund angefallen wurde. Man sagte damals, der Junge habe den Hund gequält und provoziert. Und nun schauen Sie hier.
„Die Geschichte vom bitterbösen Friederich“, sagte Fräulein Hein. „Der wird von einem Hund ins Bein gebissen. Wie unheimlich.“
„Wir haben uns damals nicht großartig darum gekümmert, weil es so offensichtlich schien. Aber im Lichte der aktuellen Ereignisse… und schauen Sie hier.“ Er zog ein anderes Blatt hervor. „Lillebror-Elijah Schnattke und Anakin Leander Krösemann, Zweitklässler, sind letzten Winter bei der Baustelle am Bahndamm in den Teerkessel gefallen.“
„Ich erinnere mich, ja. Sie habens aber überlebt. Man meinte halt, die hätten da nicht spielen sollen. Oh Gott.“
Knülleberg hatte eine weitere Seite des Struwwelpeterbuchs hervorgezogen. „Die Geschichte von den schwarzen Buben“. „Drei Jungs machen rassistische Bemerkungen und werden dafür vom Nikolaus in ein Tintenfass gesteckt, sodass sie ebenfalls schwarz sind. Und jetzt kommt der Clou, Fräulein Hein. Wissen Sie, wann der Vorfall mit dem Teerkessel war? Letztes Jahr am Nikolaustag.“
„Oh mein Gott.“
„Ganz genau, Fräulein Hein. Ich habe das Gefühl, wir stehen hier einem ziemlich gerissenen und ziemlich kranken Täter gegenüber.“
„Jetzt müssen Sie Ihre Beweise aber auf jeden Fall Hauptkommissar Gordon vorlegen. Die müssen ihn überzeugen.“

Das taten sie leider nicht. Hauptkommissar Gordon, ein cholerischer, übergewichtiger Afroamerikaner mit Oberlippenbärtchen, schrie: „Was glauben Sie eigentlich, wo wir hier sind, Kommissar Knülleberg? Im Märchenland?“
„Herr Hauptkommissar, ich glaube, die Hinweise sprechen für sich…“
„Hinweise, Schninweise!“, brüllte Gordon. „Und was möchten Sie, dass ich in der Sache übernehme, Kommissar Knülleberg? Soll ich die sieben Zwerge als Einsatzkommando losschicken?“
Knülleberg räusperte sich. „Das nicht, aber ich glaube, ich weiß, wo der Täter das nächste Mal zuschlagen wird.“
„Ach, und wo? Wird er drei kleinen Schweinchen ihr Haus wegpusten? Machen Sie sich nicht lächerlich, Knülleberg.“
„Ich glaube“, fuhr Knülleberg mit geschlossenen Augen fort, „wir werden bald das nächste tote Kind in der Serie haben. Schauen Sie hier, der Suppen-Kaspar…“
Hauptkommissar Gordon wischte die Blätter von seinem Schreibtisch. „Bleiben Sie mir mit Ihren Ammenmärchen vom Leibe!“
Knülleberg stampfte mit dem Fuß auf. „Aber hören Sie doch! Der Suppen-Kaspar hat die Nahrungsaufnahme verweigert und ist daran zugrundegegangen. Wenn Sie mir gestatten, in einer Pressemitteilung…“
„Raus, Sie Geistesgestörter! Sie machen gefälligst Ihre Arbeit und jagen Sie nicht irgendwelchen Hirngespinsten nach! Verlassen Sie sofort mein Büro!“
„Und, was hat er gesagt?“, erkundigte sich Fräulein Rhein vorsichtig bei Kommissar Knülleberg. Aus Gordons Büro war noch immer dessen Toben und Schimpfen zu hören.
„Er sagte, ich solle den Fall aufgeben und normal weiterarbeiten.“
„Oh nein“, sagte Fräulein Rhein und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Aber das können Sie doch nicht! Es steht doch so viel auf dem Spiel!“
„Ich weiß, Fräulein Rhein. Und darum werde ich genauso fortfahren, wie ich es geplant habe. Ich werde die Pressemitteilung herausgeben.“
Fräulein Rhein seufzte. „Sind Sie sich bewusst, dass…“
„Ich weiß, dass ich Recht habe, Fräulein Rhein. Ich weiß, dass noch mehr Kinder in Gefahr sind. Und das ist es, was zählt. Nicht mein lausiger Job hier.“
Fräulein Rhein musste sich abwenden, da ihr vor Rührung ein Tränchen die Wange herunterrann.

So geschah es, dass Kommissar Knülleberg eine Pressemitteilung veröffentlichte, die alle Familien, deren Kind oder Kinder kürzlich die Nahrungsaufnahme verweigert haben, bat, sich bei ihm zu melden. Und tatsächlich! Wenige Stunden darauf meldete sich Familie Raupenstrauch, deren Sohn, Johnny-Fürchtegott, seit Tagen nicht mehr aß. Kommissar Knülleberg machte sich sofort auf zu ihrem Haus in der Vorstadt und nahm zur Sicherheit auch seinen Freund, den allgemeinbildenden Arzt Doktor Roy Mazurka mit.
Niemand wisse, was es sei, sagte Mutter Raupenstrauch, während Dr. Mazurka den Jungen untersuchte. Manche Ärzte hätten auf einen Tumor oder ähnliches getippt, aber ohne Ergebnis. Die Fachwelt sei ratlos, und Johnny-Fürchtegott, der einst einhundertfünfzig Kilogramm gewogen hätte, sei nunmehr auf vierzig abgemagert. Auch Dr. Mazurka musste seine Machtlosigkeit eingestehen. „Der machts nicht mehr lange“, flüsterte er Kommissar Knülleberg zu.
„Na schön“, sagte der Kommissar. „Wenn Sie mich bitte einmal mit dem Kind alleinlassen wollen?“
Als die Mutter und der Doktor den Raum verlassen hatten, hockte Knülleberg sich neben den verschüchterten Jungen.
„Also, Johnny-Fürchtegott“, sagte er. „Ich weiß, du bist nicht krank. Ich weiß, dass das ganze nicht an dir liegt. Stimmts?“
Johnny-Fürchtegott nickte zögernd.
„War da ein fremder Mann – oder eine fremde Frau – die dich dazu gebracht hat?“
Johnny-Fürchtegott schaute sich angstvoll um und wisperte dann: „Haare.“
„Haare?“, fragte der Kommissar.
„Ich sollte seine Haare essen.“
Kommissar Knülleberg atmete tief ein. „Ist das so. Nun, was war das für ein Mann? Wie hieß er?“
„Ich kann das nicht sagen. Ich möchte raus, zu meiner Mama.“ Johnny-Fürchtegott lief zur Tür und reckte sich nach der Klinke.
„Einen Moment noch, kleiner Johnny-Fürchtegott“, sagte Knülleberg. „Wie hieß der Mann?“
„Peter“, sagte Johnny-Fürchtegott und hatte die Tür aufgekriegt. Frau Raupenstrauch nahm ihn auf den Arm.
„Natürlich!“, rief Kommissar Knülleberg. „Der Struwwelpeter!“
„Hast du was rausgefunden, Giselher?“, fragte Dr. Mazurka.
„Und ob. Der Täter hat ihn gezwungen, seine Haare zu essen.“
„Die Haare des Täters?“, fragte Dr. Mazurka.
„Genau.“
„Na, das erklärt so einiges“, sagte Dr. Mazurka. Wahrscheinlich hat sich irgendwo in Johnny-Fürchtegotts Innereien ein Knäuel aus den fremden Haaren gebildet. Dann ist es klar, dass er keinen Appetit hat. So etwas gibt es manchmal. Aber da dem Jungen selbst keine Haare gefehlt haben, konnten wir darauf natürlich nicht kommen…“
„Fräulein Wein“, sagte Knülleberg in sein Handy, „bitte suchen Sie nach sämtlichen Peters hier in der Stadt. Sehen Sie nach, wo sie wohnen und was sie…“
„Moment, Herr Kommissar“, sagte Fräulein Wein. „Ich soll Ihnen von Hauptkommissar Gordon ausrichten, er möchte Sie in seinem Büro sprechen. Sofort.“

„Sind Sie eigentlich noch bei Trost, Sie schwachköpfiger Hampelmann?“, brüllte ihm Gordon schon entgegen, bevor Knülleberg die Tür geschlossen hatte. „Wie können Sie einfach ohne meine Erlaubnis alberne Presseerklärungen ablassen?“
„Herr Hauptkommissar, ich sah es in dieser Situation geboten, dass…“
„Es ist mir völlig egal, was Sie geboten sehen. Schauen Sie hier mal auf den Schreibtisch. Was steht da?“
Knülleberg verdrehte die Augen. „Ein Namensschild.“
„Ganz genau, ein Namensschild. Und was steht da drauf? Hm? Können Sie’s lesen, Knülleberg?“
„Bitte, Herr Hauptkommissar, mein schneller Einsatz hat heute wahrscheinlich einem kleinen Jungen das Leben gerettet…“
„Was steht auf dem Schild?“
Knülleberg seufzte. „Hauptkommissar Miffy Gordon.“
„Ganz genau. Und wer ist Hauptkommissar Miffy Gordon? Sind Sie Hauptkommissar Miffy Gordon?“
„Nein, ich bin nicht Hauptkommissar Miffy Gordon“, leierte Knülleberg.
„Ist Ihre Freundin Fräulein Schein Hauptkommissar Miffy Gordon?“, fragte Gordon weiter.
„Nein, Fräulein Schein ist ebenfalls nicht Miffy Gordon.“
„Ganz genau. Denn wissen Sie, wer Hauptkommissar Miffy Gordon ist?“
„Sie?“
Gordon sprang auf und brüllte: „Ganz Recht, Sie Schlaumeier. Und weil das so ist, weil ich Hauptkommissar bin und nicht Sie, ziehe ich Sie hiermit auf der Stelle von Ihrem Posten ab und schicke Sie erst einmal in zwei Wochen unbezahlten Urlaub.“
„D-das können Sie doch nicht machen! Dazu haben Sie kein Recht!“
„Moment, Moment, Moment“, sagte Gordon. „Ich glaube, ich habe mich vorher nicht klar ausgedrückt. Sehen Sie das Namensschild hier auf dem Schreibtisch? Sehen Sie es?“
„Ist ja gut!“ – Knülleberg verließ Gordons Büro.
Fräulein Mein fing ihn gleich ab. „Ich habe hier eine Liste mit sämtlichen Peters unserer Stadt, samt Wohnort…“
„Das ist mir egal, Fräulein Mein. Gordon hat mir den Fall offiziell entzogen und mich beurlaubt.“
„Nein!“, rief Fräulein Mein aus.
„Doch“, sagte Knülleberg.
„Aber Sie können den Fall doch nicht einfach aufgeben, Herr Knülleberg!“
„Das kann ich sehr wohl, Fräulein Mein“, sagte Knülleberg. „Vielleicht hat der Hauptkommissar ja Recht und es ist wirklich nur ein Hirngespinst.“
„So etwas dürfen Sie nicht sagen, Kommissar.“
„Lassen Sie mich allein, Fräulein Mein. Ich muss meinen Schreibtisch ausräumen.“
„Nur weil man Sie beurlaubt hat?“
„Bitte, Fräulein Mein. Verlassen Sie mein Büro.“
Kommissar Knülleberg kehrte in sein Singleapartment zurück und begann sogleich damit sich zu betrinken. Er war fertig mit der Welt und überlegte, ob er den Beruf nicht ganz an den Nagel hängen solle. Solche Gedanken hatte er nicht mehr gehabt, seit damals seine Frau.
Nach zwei Tagen klingelte morgens sein Mobiltelefon. Fräulein Lein.
Knülleberg, nunmehr mit Dreitagebart und fettigen Haaren, nahm ab und sagte: „Fräulein Lein, ich dachte, ich hätte gesagt, Sie sollen mich mit dem ganzen-“
„Warten Sie, Herr Kommissar! Es hat ein weiteres totes Kind gegeben!“
Knülleberg schwieg.
„Der kleine Maurice Kirby Kollerbach ist beim Essen so unglücklich mit seinem Stuhl umgefallen, dass er sich das Genick gebrochen hat. Ich vermute, der Stuhl war manipuliert. Genau wie in dieser Geschichte…“, es war Papierrascheln zu hören, „‚Der Zappelphilipp‘.“
Knülleberg schluckte. „Und wieso sagen Sie mir das? Es ist nicht mehr mein Fall. Gehen Sie zu Gordon, wenn Sie sich aussprechen müssen.“
„Das habe ich bereits getan; er glaubt mir kein Wort. Er sagte, nur weil ein Kind beim Stuhlkippeln unglücklich umfällt, wolle er keine Staatsaffäre vom Zaun brechen. Dann hat er noch ein Spezialkommando aus Zwergen erwähnt.“
„Dieser Drecksack“, sagte Knülleberg.
„Sie müssen mir helfen“, sagte Fräulein Lein. „In der nächsten Geschichte geht es um einen Jungen, der aus Unaufmerksamkeit in einen Fluss fällt.“
„Natürlich“, sagte Knülleberg. „‚Hans Guck-in-die-Luft.'“
„Genau“, sagte Fräulein Lein. „Ich habe auch schon eine Idee, wie wir diesmal dem Täter auf die Schliche kommen können, bevor er zuschlägt.“
Knülleberg schwieg.
„Also, sind Sie dabei?“, fragte Fräulein Lein.
Knülleberg seufzte. Dann sagte er: „Reden Sie.“

„Und Sie sind sicher, dass es hier stattfinden wird?“, fragte Kommissar Knülleberg, der sich mittlerweile gewaschen und rasiert hatte.
„Es kann nur hier sein“, sagte Fräulein Pein. „Der Molkbach ist das einzige Gewässer in der Nähe, das in Frage kommt.“
„Na schön“, sagte Knülleberg. „Wir müssen uns also lediglich im Gebüsch verstecken, und wenn der Irre versucht, unseren Lockvogel ins Wasser zu schmeißen, stürzen wir raus und nehmen ihn fest?“
„Das ist der Plan“, sagte Fräulein Pein.
Der ‚Lockvogel‘ war Karlheinz Schneider-Voggenhausen, ein Minderwüchsiger, der sich, um den Täter zu ködern, exakt so angezogen hatte, wie der Hans Guck-in-die-Luft im Buch dargestellt war. So präpariert schlenderte er die Uferpromenade auf und ab, immer im Blickfeld von Fräulein Pein und Knülleberg, die sich am Wegrand im Gebüsch versteckt hielten.
Dies ging einige Stunden, bis Knülleberg schon fast am Wegdämmern war. Ein starker Wind war aufgekommen, der welke Blätter über das Pflaster wehte.
„Was meinen Sie“, sagte Fräulein Pein. „Wird das heute noch was?“
„Ich weiß nicht, ob das die richtige Vorgehensweise ist“, sagte Knülleberg. „Der Täter wählt seine Opfer vielleicht nicht so impulsiv aus. Das ganze macht mir eher den Eindruck, als sei es…“
Da störte sie Geschrei von der Uferpromenade her auf. Karlheinz Schneider-Voggenhausen schrie: „Da! Was ist das? Schaut euch das an!“ und zeigte auf den Fluss.
Fräulein Pein und Knülleberg sprangen aus dem Gebüsch und zum Gewässer, in dem ein neonroter Schulranzen schwamm.
„Verdammt!“, schrie Knülleberg. „Er hat uns überlistet! Schnell, flussaufwärts!“
Und natürlich: wenige hundert Meter den Strom hinauf strampelte ein kleiner Junge im Wasser und schrie um Hilfe. Fräulein Klein und Karlheinz Schneider-Voggenhausen eilten sofort die Böschung hinunter, während Knülleberg sich suchend umschaute – und den Täter gerade noch in einer Seitenstraße verschwinden sah.
„Da ist er!“, schrie Knülleberg. „Ich folge ihm, ihr helft dem Jungen!“
Gesagt, getan. Der Täter schien auf Verfolger nicht gefasst gewesen zu sein; er stellte sich bei seiner Flucht reichlich ungeschickt an, rannte die Straße schnurgerade und deutlich sichtbar hinunter. Plötzlich blieb er stehen, schaute sich gehetzt um (seine langen Haare wurden vom Sturm in sämtliche Richtungen geblasen) und rannte dann nach rechts weg, in Richtung der Konradskirche. Er riss die schwere Tür auf, stürmte hinein und schlug sie hinter sich wieder zu.
Eine ganze Weile später war auch Knülleberg, ächzend und pfeifend, an der Kirche angekommen. Als er sie betrat, drehte sich die gesamte Gemeinde nach ihm um.
„Schnell!“, schrie Knülleberg. „Ist hier eben jemand durchgekommen? So ein Mann im roten Hemd mit so verstrubbelten Haaren?“
Der Priester zeigte wortlos auf einen Treppenaufgang hinter dem Altar.
„Danke!“, rief Knülleberg und machte sich daran, die Stufen zu erklimmen.
Die Treppe führte hoch zum Glockenturm, der hier mit allerlei Kirchenkrimskrams vollgestellt war. Und siehe da: am Vorderfenster erschien die Silhouette – des Struwwelpeters!
Knülleberg zog seine Außerdienstwaffe. „Keine Bewegung!“, brüllte er. „Hände an die Wand!“
Der junge Mann, langhaarig, in rotem Polohemd, hob langsam die Hände. „Mein Name ist Robert Peter“, sagte er.
„Ihr Name interessiert mich nicht“, sagte Knülleberg. „Stellen Sie sich an die Wand!“
Doch der Andere fuhr einfach fort. „Man nennt mich auch… den Struwwelpeter. Lange Jahre war ich ein Niemand. Verspottet von meinen Mitschülern, ignoriert von der Frauenwelt und furchtbar unglücklich. ‚Seht einmal‘, sagten sie, ‚da steht er‘. ‚Pfui!‘, sagten sie. Ich wurde nur verachtet.“
„Ist ja gut“, sagte Knülleberg, „ich will nicht Ihre verdammte Lebensgeschichte hören, die können Sie dem Richter erzählen. Sie gehen jetzt sofort vom Fenster weg und…“
„Doch dann fiel mir ein Plan ein“, sagte Peter mit verklärtem Blick. „Sie würden alle bezahlen müssen. Der Struwwelpeter würde zu seiner Rache kommen.“
„Herrgottnochmal, Sie irres Arschloch, drehen Sie sich zur Wand oder ich schieße!“
„Nur Geduld!“, sagte Robert Peter sanft. „Der Plan ist bald vollbracht. Die Rache des Struwwelpeters ist bald zu Ende.“ Plötzlich griff er in einen Haufen Unrat.
„Lassen Sie die Hände oben!“, brüllte Knülleberg gegen den Wind an, der durch die Fenster des Glockenturms hereinfuhr.
Robert Peter zog einen roten Regenschirm aus dem Haufen und spannte ihn auf. „Nun ade, Kommissar Knülleberg. Es wird Zeit für die letzte der drolligen Geschichten.“
„Machen Sie nichts Unüberlegtes, Robert!“, schrie Knülleberg.
„Die Geschichte…“, sagte Robert Peter, „…vom fliegenden Robert.“
Und damit sprang er aus dem Fenster. Knülleberg stürzte hin und schaute hinaus. Lächerlicherweise starrte er zuerst in den Himmel, als wäre Robert Peter wie der Robert in der Geschichte vom Winde hinweggeblasen worden. Sobald der Kommissar dann aber seinen Blick senkte und die zermatschte Leiche des Robert Peter am Boden sah, seufzte er und steckte seine Außerdienstwaffe wieder weg.
Als er die Treppe wieder hinabgestiegen war, stand die Gemeinde, einer nach dem anderen, auf und applaudierte ihm. Der Priester schüttelte mit Tränen in den Augen, als könne er es noch immer nicht fassen, während des Applaudierens lächelnd seinen Kopf.
Vor der Kirche waren bereits Polizei und Krankenwagen eingetroffen. Knüllebergs Kollegin stieg über das bereits aufgespannte Absperrband, lief zu ihm und fiel ihm in die Arme.
„Gut haben Sie es gemacht, Kommissar Knülleberg.“
„Danke, Fräulein Schweinebauch.“
Und die beiden küssten und herzten sich ganz allerliebst.
„He! Knülleberg!“, rief da eine herrische Stimme.
Knülleberg sagte: „Ja? Was ist denn, Hauptkommissar Gordon?“
Hauptkommissar Miffy Gordon zog Knülleberg von seiner Geliebten weg und legte ihm jovial den Arm um die Schultern. „Gute Arbeit, Knülleberg“, sagte er. „Das mit dem Beurlauben und Beschimpfen war natürlich nur, um Ihre Kreativität etwas anzuspornen.“
„Selbstverständlich.“
„Gut, dass Sie das so sehen, Knülleberg. Und, weil Sie Ihre Aufgabe so gut, ja, ich möchte fast schon sagen, einen guten Job gemacht haben, möchte ich Sie gerne zum Oberkommissar befördern.“
„Danke, Hauptkommissar Gordon. Aber nun entschuldigen Sie mich bitte.“
„Wieso, was meinen Sie?“
Knülleberg lachte. „Na, ich habe doch Urlaub!“ Und er nahm Frau Schweinebauch am Arm und rannte mit ihr jauchzend von dannen. Gordon schaute ihnen hinterher und musste schmunzeln. „Dieser Knülleberg“, sagte er.

♥ The End ♥

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2 Antworten zu Strafsache Struwwelpeter

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