Junge Erbsen, fein

(von J. D. Salinger und Christian Luscher)

Eigentlich wollte ich mir was zu essen kaufen, aber als ich im Supermarktregal diese verdammte Gläserreihe sah, kriegte ich direkt Bauchkrämpfe. „Junge Erbsen, fein“ stand auf dem Etikett. Junge Erbsen, fein! Gibt es etwas Verlogeneres? Die Erbsen sind vor Wochen oder Monaten gepflückt worden. Was macht die denn jung? Sind sie in der Blüte ihrer Jugend vom verfluchten Erbsenbaum gerupft und dann in diese piefigen Gläser gestopft worden? Was heißt überhaupt „jung“? Wie lange ist man jung? Nehmen wir mal Folgendes an: Zwillinge, beide so um die zwanzig. Einer stirbt. Wird mumifiziert. Der andere lebt weiter, bis er hundert oder so ist, dann kippt er ebenfalls um und wird mumifiziert. So. Und wenn jetzt einer kommt und die Mumien vergleicht, bei welcher würde er sagen: „Das ist eine junge Mumie“? Doch wohl bei dem zweiten Burschen! Ich meine, die andere Mumie liegt da schon Jahre rum, hat Staub angesetzt, was weiß ich. Allerhöchstens könnte man sagen, die Mumien wären gleichalt. Sind ja Zwillinge. Aber niemandem würde einfallen, an die erste Mumie ein Schild zu kleben mit der Aufschrift: „Junge Mumie, fein“. Außer, man wäre verlogenes Pack, und das sind diese Erbsenbeschrifter doch. Was soll das denn überhaupt mit diesem „fein“? Ich habe auch schon Gläser gesehen, auf denen es hieß „sehr fein“ oder gar „extra fein“. Aber niemals „alte Erbsen, unfein“. Gibt es keine unfeinen Erbsen? Sicher gibt es unfeine Erbsen. Aber was wird aus den unfeinen Erbsen? Ich sage Ihnen, was aus den unfeinen Erbsen wird. Irgendein armer Teufel steht am Fließband, auf dem Erbse nach Erbse durchläuft, und der Bursche muss die feinen von den unfeinen und sehr feinen und extrafeinen trennen. Gott bewahre, dass die extrafeinen Erbsen mit den unfeinen Erbsen zusammen in ein verdammtes Glas kommen!

Wer hat das so bestimmt? Die Erbsen selbst? Wohl kaum. Irgendein aufgeblasener Heini in irgendeiner Chefetage hat sich gesagt: Ab heute müssen die Erbsen unter ihresgleichen bleiben. Die feinen mit den feinen und die unfeinen – ja, wo kommen die unfeinen überhaupt hin? In den Müll? Das würde den Herrschaften ähnlich sehen. Ich bin mir sicher, auch unfeine Erbsen ließen sich ganz gut essen. Müsste man sie eben vorher ordentlich abwaschen. Aber die Leute wissen ja gar nicht, was da abgeht in der verfluchten Erbsenfabrik! Kein Schwein fragt sich, was aus den unfeinen Erbsen wird. Wenn ich am Erbsenfließband stehen würde, ich würde in jedes Glas eine handvoll unfeiner Erbsen reinschmeißen. Nur, damit mal auf die Problematik aufmerksam gemacht wird. Aber leider arbeite ich nicht am Erbsenfließband. Deshalb griff ich im Supermarkt zu anderen Mitteln. Ich nahm mir ein Glas der extrafeinen Erbsen aus dem Regal und ging zur nächsten Angestellten. „Sie!“, sagte ich höflich. „Das ist ja mal ein ganz verlogener Laden, in dem Sie hier arbeiten!“

„Wat?“, fragte die Verkäuferin, eine dicke Frau mit aufgeplatzten Äderchen in Nase und Backen.

Ich wedelte mit dem Glas. „Glauben Sie nicht, ich weiß nicht, was hier abgeht, Madame!“, sagte ich. „Und glauben Sie nicht, ich würde die Öffentlichkeit davon nicht in Kenntnis setzen! Ich kriege Bauchkrämpfe von Ihrer verflixten Erbsentrennung. Bauchkrämpfe!“

„Sie kriegen von unseren Erbsen Bauchkrämpfe?“, fragte die Alte scheinheilig.

Da überkam es mich. Ich weiß nicht, warum es mich immer überkommt. Manchmal hab ich so Ausraster. Ich holte aus und semmelte das verdammte Erbsenglas zurück ins Regal. Einige der anderen Gläser zerschepperten an Ort und Stelle, andere ließen sich Zeit damit, bis sie auf dem Boden aufkamen. Es entstand eine riesige Mansche aus den unterschiedlichsten Erbsen.

„Versuchen Sie die mal zu trennen!“ Ich stapfte aus dem Laden raus und freute mich, als ich mir vorstellte, wie die Verkäuferin den Heini in der Chefetage anrufen würde, ganz aufgelöst, und berichten würde, dass in ihrem Laden jemand die Erbsentrennung aufgehoben hätte. Vielleicht wär das auch ein Signal an die alten, unfeinen Erbsen, das sie soweit aufstachelt, dass sie eine weltweite Erbsenrevolution oder so starten. Nun, keine Ahnung. Ich würde es ihnen jedenfalls wünschen.

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2 Antworten zu Junge Erbsen, fein

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