Die Rinder

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In einer Rinderherde war ein Rind der Arsch. Es wurde von den anderen Rindern geschnitten, ja, sogar gemobbt! Sie sagten immer: „Haaha, guckt euch mal den Herbert an!“ Herbert war das Rind. „Guckt mal. Wie der schon aussieht. Also ehrlich. Wie kann sich ein halbwegs normales Rind denn trauen, heute noch so rumzulaufen.“ Herbert hatte braune Flecken. Braune Flecken waren aber total aus der Mode. „Das Rind von heute lässt sich doch schwarze Flecken wachsen. Also ehrlich. Kuckt ihn euch nur wieder an, wie der rumläuft. Da kommter schon wieder. Nee, der legts echt drauf an.“ In Wirklichkeit legte es Herbert auf nichts an. Er hatte sogar mal eine Zeitlang versucht, sich schwarze Flecken wachsen zu lassen, hatte aber schnell herausgefunden, dass das unmöglich ist. Die Fleckenfarbe ist nämlich angeboren und erblich. Einmal wälzte er sich im Dreck, um möglichst dunkel zu wirken. Die anderen Kühe sagten darauf: „Das ist echt nicht zu glauben. Jetzt will er uns nachäffen. Also auf solche schemelhaften Anbiederungsversuche reagieren wir ja schonmal gar nicht.“ Bauer Möller brummte, als er Herbert abputzen musste. Dem Bauern war es ziemlich egal, was für ’ne Farbe der Herbert denn nun hatte. Das kam den anderen Rindern auch verdächtig vor. „Na, wer weiß“, argwöhnten sie, „was der mittem Möller für Abmachungen geschlossen hat, der Arsch. Das kann er nämlich, sich bei dem jetzt einschleimen, jaja. Das wirkt bei uns aber nicht, nur damit du’s weißt.“
Eines Tages im frühen Herbst wurden die Rinder aus ihren Ställen auf die Weide getrieben. Sie mussten raus aus ihren Boxen und dann durch den engen Mittelgang. Gerade als Herbert aus seiner Box wollte, stellte ihm irgendein anderes Rind ein Bein. Herbert stolperte und rammte den Schweinekoben. „Hee“, grölten die Schweine. „Was sollen das? Spinnt der, oder was?“ Herbert schämte sich fürchterlich und Bauer Möller schimpfte auch ein bisschen in seiner sonderbaren Sprache.
Nachher beim Wiederkäuen kam eine Kuh zu Herbert und legte sich neben ihn. Die Kuh hieß Linda. „Ich fand das vorhin echt nicht richtig von Klaus.“
„Ach“, antwortete Herbert kurz angebunden.
„Nein, die anderen sind doof. Ich finde braune Flecken ganz hübsch.“
„Jaja. Wahrscheinlich haben die dich als Spion geschickt.“
„Nein, ich bin aus freien Stücken hier. Ich will dir nur sagen, dass ich bei denen ab heute nicht mehr mitmachen will.“
„Ist mir scheißegal“, sagte Herbert. „Ich brauch dein Mitleid nicht. Verpiss dich.“ Damit hievte er sich hoch und legte sich ein paar Schritte weiter weg. Linda stand ebenfalls auf und sah unschlüssig in seine Richtung. Schon tat es Herbert Leid und er wollte sie bitten, sich doch wieder zu ihm zu legen, da kam Klaus, der große Zampano im Kuhstall, mit dem Linda im Frühling gedeckt werden sollte und sagte laut zu ihr: „Was machst du denn hier, Schnulli, bei diesem Affen? Komm mit, ich will der Herde gleich einen neuen Witz erzählen, den musst du hören.“ Damit nahm er sie am Arm und zog sie weg. Linda hat nie mehr mit Herbert gesprochen.
Als sie wieder in den Stall zurückkamen, hatte irgendein Rind in Herberts Kleie gefladet. Das Zeug konnte Herbert natürlich nicht mehr essen. Bauer Möller war zum Erstenmal richtig böse mit Herbert und schimpfte: „Herbert, jetzt hat es bei dir aber ausgesetzt.“ Herbert schämte sich und beschloss, es den anderen Rindern heimzuzahlen. Und zwar so heimzuzahlen, dass sie dafür wirklich bluten mussten. Herbert lag die Nacht wach auf seinem Stroh und sann nach Rache.
Als Bauer Möller am nächsten Morgen in den Stall kam, schauten alle Rinder besorgt zu Herberts Box. Herbert lag auf seinem Stroh und zitterte vor sich hin. Aus seinem Maul tropfte Speichel. Als er Bauer Möller erkannte, muhte er wie von Sinnen. Bauer Möller wurde leichenblass und ging schnellen Schritts aus dem Stall.
„Hast du sie nicht mehr alle?“, zischten die anderen Rinder Herbert zu. „Hör sofort mit dem Scheiß auf!“ Aber Herbert zuckte immer weiter.
Am Nachmittag kam ein fremder Herr mit einem Clipboard, schaute sich die Rinder an und notierte etwas darauf. Die Rinder wurden unsicher und scharrten mit den Füßen. Sie begriffen, was Herbert tun wollte.
Am nächsten Tag waren sie dran. Es kamen stämmige Menschen mit Elektroschockern und trieben sie aus den Boxen. Die Schweine röhrten: „Dann macht’s man gut, ihr Flaschen!“ Draußen war ein Wagen aufgestellt, wo sie die Rinder reintrieben. Klaus war furchtbar wütend und muhte dem zitternden Herbert düstere Flüche zu. Neben dem Truck stand Bauer Möller, von Reportern umringt, und er sah recht unglücklich aus. Ein bisschen schämte sich Herbert doch schon. Aber dann sah er, wie Klaus mit einem Elektroschocker gepiesackt wurde und ihm war wieder gut. Kurz bevor Herbert in den Anhänger stieg, zwinkerte er Klaus noch triumphierend zu. Der rastete natürlich völlig aus. In Rage rannte er auf Herbert zu und muhte und schnaubte. Die dicken Männer wollten ihn zurückhalten, wurden aber umgeschubst. Da nahm einer der Männer ein Gewehr und erschoss Klaus vor den Augen der anderen Kühe, die aus dem Laster schauten. Mit offenem Maul und den schiefen Kuhzähnen in alle Himmelsrichtungen lag der Bulle auf dem Kopfsteinpflaster und röchelte sein Leben aus. Ich glaube, Linda heulte sogar ein bisschen. Die Verräterin! Zuerst macht sie auf Überläufer und jetzt heultse um ihren Klaus. Na warte, wenn wir erst alle tot sind, dann wirdse aber dumm gucken! Der Laster fuhr ab und übrig blieb Bauer Möller. Abends verbrannte er den Kadaver von Klaus auf dem Hof, denn essen kann man den ja beileibe nicht mehr.

Für Ihren tragbaren mp3-Spieler (oder so): „Die Rinder“ – gelesen von Zatzen.

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