Die Liebhaber der Kleopatra

Kleopatra

»Das Thema«, sagte er auf italienisch, »stammt von mir. Ich hatte dabei eine Stelle bei Aurelius Victor im Sinn, wo er schreibt, daß Kleopatra den Tod als Preis für ihre Liebe festgesetzt hatte und daß sich trotzdem Verehrer fanden, die durch diese Bedingung nicht abgeschreckt worden waren.
Mir scheint jedoch jetzt, daß dieses Thema allzu schwierig und vielleicht auch zu heikel ist … Wollen Sie nicht doch lieber ein anderes wählen?«
Aber schon spürte der Improvisator das beschwingte Nahen der göttlichen Inspiration … er gab den Musikanten ein Zeichen, und die Musik setzte ein … Das Gesicht des Italieners wurde erschreckend bleich, er zitterte wie im Fieber. Seine Augen brannten in einem fast überirdischen Feuer, er strich seine schwarzen Haare zurück und fuhr mit einem Tuch über die schweißbedeckte Stirn. Dann trat er mit auf der Brust gekreuzten Armen ein paar Schritte vor… Die Musik hörte auf … die Improvisation nahm ihren Anfang …
(A. Puschkin: „Ägyptische Nächte“)

„Und da wären wir“, sagte Anopheles feierlich, „Der Palast von Kleopatra, der Herrscherin Ägyptens.“ „Jungejunge!“, sagte ich. „Das ist ja mal ein Mordstrumm!“
„Wart ab, bis du das Ding von innen siehst!“ Anopheles raffte seine Toga zusammen und schritt auf das Hauptportal zu, vor welchem zwei dickliche, kleinwüchsige Ägypterwachen positioniert waren. Diese strafften sich und schienen den Griff um ihre Speere zu festigen. „Tag auch“, sagte mein Kumpel zu dem einen, „Anopheles Pertussis mein Name, ich bin heute abend zum Diner geladen. Das hier ist mein Kumpel Osteoporos Patatopoulos.“
„Ah, selbstverständlich, Herr“, sagte der Wächter. „Bitte sehr.“
Mit einer fast schon nonchalanten Handbewegung wies er uns den Weg durch den Torbogen.
Ich war entgeistert. „Was soll das denn?“
Ich dackelte hinter Anopheles her, der durch das Tor in einen mit Fackeln ausgeleuchteten Gang trat. Er sagte: „Ich hab dir doch von meinem Onkel erzählt, ja?“
„Dem Hofsänger?“
„Dem Hofsänger. Er ist auf dieses Bankett geladen, kann aber nicht kommen. Daher bin ich quasi seine Vertretung.“
Einige Pagen verneigten sich vor uns Vorübergehenden.
„Quasi seine Vertretung? Du kannst aber doch gar nicht singen! Was machst du, wenn Kleopatra dich auffordert…“
„Keine Sorge.“ Anopheles grinste beschwichtigend. „Die wissen, dass ich nur sein weltenbummlerischer Neffe bin.“
„Und trotzdem wollen die uns bei dem Bankett dabeihaben?“
„Klar, die Ägypter, ich sag dir, Mann. Die sind höflich und zivilisiert, das glaubst du nicht, Alter.“
„Nuja“, sagte ich. „Ihre Königin ist mit ihrem minderjährigen Bruder verheiratet, also, wenn das zivilisiert ist…“
Ruckartig blieb Anopheles stehen und blickte mich an. „Jetzt hör mal zu, Klugscheißer. Fang bloß nicht beim Essen mit deinem kulturkritischen Gesabbel an. Solche Diskussionen kannst du vielleicht mit deinen Akademiefreunden in Athen führen, aber nicht am Hofe der Kleopatra!“
„Ist ja gut“, sagte ich. „Musst ja nicht gleich sauer werden. Denkst du echt, ich werf unseren Gastgebern ihre eigene Rückständigkeit vor?“ Anopheles nickte grimmig und wir setzten wieder in Bewegung. „Aber ich weiß immer noch nicht, was bei dem Essen jetzt von uns erwartet wird“, sagte ich.
„Sie erwarten, dass wir unseren Teller leeressen, das ist alles. Die freuen sich doch wie Bolle, wenn sie sich an ein paar Hellenen ranwanzen können, die Ägypter.“
„Ach, so ist das.“
„Und außerdem“, Anopheles hob den Finger, „kriegen wir die Kleopatra zu sehen. Hast du noch nicht gehört, was die Alte für ne Schnitte ist?“
„Jaja, Schnitte, schon klar“, sagte ich.
Ein Diener in purpurner Robe eilte in dienstfertiger Buckligkeit auf uns zu und sagte: „Sie sind die Herren aus Griechenland? Sehr angenehm, danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Kommen Sie bitte.“
Anopheles schaute mich mit bewundernd vorgeschobener Unterlippe an, und wir folgten dem Manne.
„Falls Sie sich vor dem Essen noch etwas frischmachen wollen, hier rechts sind unsere sanitären Einrichtungen.“
„Danke, das wird nicht nötig sein“, sagte Anopheles.
„Naja, eigentlich müsste ich doch mal schnell“, sagte ich.
„Natürlich. Natürlich.“ Sich immerfort verbeugend, wies der Diener auf den Durchgang zu den Latrinen. Anopheles sah mich etwas ärgerlich an, ging dann aber mit dem Diener weiter, während ich mich auf den Weg zum Klo machte.
Es war in etwa so, wie ich es aus Griechenland gewohnt war, nur, dass die Ägypter in der Kammer lauter Duftstäbchen brennen hatten, die angenehme, zimtige Aromen verströmten. Während ich mich erleichterte, dachte ich angstvoll an das bevorstehende Dinner mit der schönen Königin, an all die Fauxpas, die mir und vor allem dem jugendlich-abenteuerlichen Anopheles in seinem kulturignoranten Übermut unterlaufen konnten, die voraussichtlichen Reaktionen der Ägypter auf versehentliche Sakrilegien und einiges mehr.
Als ich die Latrinenräumlichkeit verließ, wartete schon der Diener von vorhin vor der Tür. Mir schoss kurz durch den Kopf, wieviel er von meinen Entleerungsvorgängen sowohl akustisch, als auch olfaktorisch mitbekommen haben mochte, ich verwarf den Gedanken aber schnell wieder, als er mich vollendet höflich, doch mit etwas Dringlichkeit in der Stimme, zum nächsten Durchgang wies, der in einen äußerst prächtigen, fensterloser, nur von Fackeln erhellten Saal wies, dessen dicke Lehmziegelwände reihenweise mit Zeichnungen übersät waren – Ägypter in verschiedenen Posen, Büffel, Adler und ähnliches Getier gehörten zum, ich will fast sagen, Standardequipment der Wandmalerei zu jener Zeit.
In der Mitte war eine niedrige, jedoch lange Tafel aufgebaut, auf deren voller Länge Massen von Obst aufgehäuft waren, vor allem Trauben und andere, apfelgroße Früchte, die ich noch nie gesehen hatte. Auf samtenen Kissen um die Tafel hockten Personen, die anscheinend hochrangige Ägypter sein mussten, und im Hintergrund spielte ein zartes Jüngelchen auf einer Art Leier und sang dazu dezent vor sich hin.
Die hintere Wand des Raumes war mit purpurnen Sammettüchern verhängt; am Tischende davor hatte man eine Art Thron aufgebaut, ein Monstrum aus Samt und Palmenholz, umringt von Blumen. Blumen, soviel sei gesagt, findet man in Ägypten, anders als zu Hause, nicht an jeder Straßenecke. Ein weiteres Merkmal der Verschwendungssucht dieses ägyptischen Königshauses, dachte ich. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, mich nicht über kulturelle Unterschiede auszulassen, also suchte ich lieber nach Anopheles. Ich entdeckte ihn auf einem Kissen im hinteren Drittel des Raumes; recht weit von dem leeren Thron entfernt. Er winkte mir aufgeregt zu, und ich ließ mich auf einem freigehaltenen Kissen neben ihm nieder.
„Und, was sagste?“, fragte er mich.
„Jo, die lassen schon einiges springen.“
„Ja, hallo? Guck dir doch mal den Tisch an! Das ist nicht ‚einiges springen lassen’, das ist sawoahr wiwre, das ist Style, Homie!“
„Style, ja.“ Ich griff mir eine der Früchte.
Einige der ägyptischen Adeligen warfen uns vorsichtige Blicke zu, nickten aber freundlich und fast untertänig, als ich sie direkt anschaute.
Nach einer Weile, in der Anopheles unablässig über die Überlegenheit der ägyptischen Esskultur gegenüber der griechischen salbadert hatte, betraten einige Pagen den Raum. Mehrere von ihnen trugen zubergroße, dampfende Schüsseln, zwei weitere schleppten einen Fleischspieß über den Schultern. Obwohl in etwa so groß wie ein Rind, war das Tier, welches das Fleisch gespendet hatte, nicht in seiner Form zu erkennen; was auf dem Spieß steckte, war ein riesenhafter Klumpen aus braungebackenem Fleischmatsch.
Die Schüsseln wurden gleichmäßig auf der Tafel plaziert und der Spieß mit dem Klumpen in zwei anscheinend extra dafür gefertigten Halterungen eingehängt, sodass er direkt über der Tafel zu schweben schien. Jedem war es nun erlaubt, sich von dem Fleische ein ihm genehmes Stück herunterzuschneiden und es mit dem bereitliegenden Brot zu verzehren.
„Entschuldigung“, sagte Anopheles zu einem der Bediensteten, der Anstalten machte, den Raum wieder zu verlassen, „was ist das in den Töpfen, bitte?“
„Das ist Ful, werter Herr.“
„Was?“
„Ful. Bohnen, gekocht, edle Gewürze, mjam, mjam. Probieren Sie es nur, höchstwerter Herr.“
„Haha, das werd ich!“, sagte Anopheles, nahm seinen Holzlöffel und stieß ihn in die dampfende Schüssel. Er rammte ihn sich in den Mund, kaute etwas, hielt dann inne, schaute einen Moment verzückt ins Nichts, sah dann mich an, sagte mit vollem Munde: „Geilomat!“ – und aß weiter.
Einige der ägyptischen Hochrangigen lachten gutmütig. Es freute sie, dass dem naiven Graeculus ihre Küche gefiel. Ich selbst nahm mir lieber noch eine der saftig-süßen, unbekannten Früchte.
Anopheles wurde in der Folge fast hyperaktiv, nahm von hier etwas, schnitt von dort etwas herunter, stopfte hier etwas in sein Mäulchen, nahm dort einen kräftigen Schluck und unterbrach sich nur, um mir ein gelegentliches: „Probier das hier mal, das ist echt ne Wolke!“ oder „Boah, Junge, eh, das ist so schnaffte hier!“ zuzujapsen.
Als er sich gerade etwas Fleisch, einen Löffel Ful und eine Traube zwischen zwei Fladenbrote stopfte, wandelte sich auf einen Schlag die Stimmung im Raum. Der Leiermann war verstummt, auch das Gemurmel der Adeligen war einer irgendwie feierlichen Stille gewichen. Ich sah auf und bemerkte, dass sie alle in Richtung der Samtwand und des Thrones schauten. Dort stand der Diener, der uns vorhin hineingeleitet hatte, und nickte der Versammlung bedeutungsvoll zu. Er faltete seine Hände und begann mit sonorer Stimme zu sprechen:
„Meine hochwohlgeborenen Herren, werte Gäste“, eine Kopfbewegung in unsere Richtung; Anopheles hob lässig die Hand, „ich möchte nun um Ihre volle Aufmerksamkeit bitten. Ihre Majestät, die Königin, Kleopatra Philopator, gibt Ihnen die Ehre, diesem Bankett beizuwohnen. Ich bitte Sie alle um einen herzlichen Applaus für die mächtigste Frau der bekannten Welt – und, wenn ich so sagen darf, die schönste noch dazu, meine Damen und Herren, hier ist sie. Kleooooooooo-patra!“
Der junge Leierspieler hatte unbemerkt auf ein seltsames Blasinstrument umgesattelt, das er nun bediente. Zu hören war ein quäkiger, aber mächtiger Ton, der sich auf seltsame Weise in der Tonhöhe nach oben und unten dehnte.
Der Samtvorhang regte sich verheißungsvoll, und heraus trat die junge Pharaonin, Kleopatra daselbst, rechts und links flankiert von zwei geölten Glatzköpfen, die jeweils die königlichen Insignien neben ihr hertrugen: der linke diesen gekrümmten, gestreiften Stock, der andere jenes geißelförmige Gerät.
Die Königin trug ein bauschiges, helles Kleid, das schimmerte wie Perlmutter, und auf dem glatten, blauschwarzen Haar eine Art gewundene Krone, die aussah wie massives Gold, aber wohl keines war, da die Frau ob der Größe des Kopfschmuckes sonst wohl nicht mehr aufrecht hätte gehen können, ohne sich so bucklicht zu halten wie der purpurne Diener, der jetzt krebsartig rückwärts vor ihr zurückwich, und dem die dümmliche Ergebenheit in sein feistes Gesicht geschrieben stand.
Tja, natürlich war Kleopatra schön. Soviel ich weiß, war sie damals Mitte oder Ende Zwanzig, aber sie sah aus wie ein sechzehnjähriges Mädchen, das zum ersten Mal aus  der einfachen Lehmhütte ihres Vaters in die Sonne tritt. Für eine Ägypterin war sie sehr blass, wirkte aber trotzdem nicht kränklich, da ihre dunklen Augen wach in der Gegend herumblickten. Sie musterten die Adeligen und uns, die wir uns von den Plätzen erhoben hatten, ihr Blick fuhr von einem zum anderen, um seine Reaktion einzufangen und, anscheinend, zu genießen. Mich verfehlte ihr Blick glücklicherweise.
Also, sie war schon schön, das muss ich zugeben. Eine Schönheit, definitiv. Die schönste Frau der Welt? Weißichjetznich. Kann aber sein.
Ich schaute zu Anopheles. Dieser stand mit offenem Mund da, in dem noch der Bohnenmatsch und das halbzerkaute Brot sichtbar war. Er war offenbar vom Fräulein Pharaonin noch mehr überwältigt worden als vom Abendessen. Als Kleopatra dies merkte, schien ein kokettes Lächeln ihre vollen Lippchen zu umspielen. Anopheles’ Hand griff blind nach meinem Arm. Er krallte sich hinein und hielt sich an mir fest, als wir uns setzten.
„Bitte“, sagte Kleopatra mit leiser, hauchiger Jungmädchenstimme. „Essen Sie weiter.“
Die Adeligen nickten, setzten sich und begannen damit, der Aufforderung Folge zu leisten.
Nachdem er hinuntergeschluckt hatte, zischte Anopheles mir zu: „Scheiße, Mann, guck dir die an!“
„Mjo, die Königin sieht schon gut aus.“
„Sieht schon gut aus? Mann, ich hab mir die Toga nassgemacht, allein vom Hingucken! Die Frau ist eine Sexgöttin, Mann, ich sags dir! Das ist echt nicht normal! Die ist hammer, die Alte, ich schwör! Ich krieg mich echt nicht mehr ein! Jetzt hab ich Wichsvorlagen für den Rest meines Lebens!“
Ich riss unwirsch an seiner Toga. „Mann, reiß dich zusammen! Du kannst die Gottkönigin nicht als ‚Wichsvorlage’ bezeichnen.“
Anopheles stierte jetzt direkt wehmütig vor sich hin. „Ich glaub, ich krieg keinen Bissen mehr runter.“ Er griff ungelenk auf den Tisch, packte ein Fleischstück, stopfte es sich in den Mund und sagte: „Oh, geht doch.“
Unauffällig schaute ich, was Kleopatra so zu sich nahm, schließlich war sie schlank wie eine Schilfgerte am Nilufer, wenn Sie verstehen. Sie nahm sich mit spitzen Fingern eine jener Früchte, die auch ich schon mehrmals genossen hatte, und biss ein Stückchen heraus. Daraufhin warf sie die Frucht hinter sich. Sofort schoss aus einer der Nebentüren ein Diener heraus hob die Frucht vom Boden auf und verließ unter Verbeugungen den Raum wieder.
So richtig Stimmung kam allerdings nicht mehr auf. Im Grunde schaute jeder auf die junge Königin, die jetzt ihre beiden Stäbe an sich nahm und die Geißel sinnierend hin und herschwingen ließ.
„Jede Bewegung“, ließ sich Anopheles neben mir vernehmen, „jede Bewegung, die sie macht ist so, dass sie so und nicht anders sein muss.“
„Was?“, fragte ich.
„Hmm.“ Anopheles dachte nach, wie er es mir begreiflicher machen konnte und hub dann an: „Wie das Meer.“
„Aha. Das Meer.“
„Wenn du am Strand siehst, wie die Wellen am Ufer zerschellen, wie sie auf den Sand treffen und sich dann immer weiter auflösen, um dann wieder zurückzuweichen. So sind ihre Bewegungen. Als wären sie schon immer dagewesen und als wären sie das Nonplusultra, also das Einzige, wie man sich überhaupt bewegen könne in so einer Situation.“
„Junge“, sagte ich, ehrlich beeindruckt. „So dichterisch kenne ich dich ja gar nicht.“
„Fick dich, Alter. Verarsch mich nicht.“
Kleopatra flüsterte indessen dem neben ihr stehenden Diener etwas ins Ohr. Dabei bot sie uns interessierten Zuschauern ihren schlanken hellen Hals dar. Ich nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass auch die ägyptischen Mitesser jede Bewegung der Gottkönigin mit größerer Gier verschlangen als vorher das Essen.
Die Reaktion des Dieners auf das Geflüstere seiner Herrin war zwar zustimmendes Nicken, aber ich vermeinte wahrzunehmen, wie er vorher kurz schluckte. Als Kleopatra geendet hatte, nahm er einen der niederen Pagen zur Seite und sprach eindringlich mit ihm. Dieser entfernte sich.
Der Hauptdiener stellte sich wiederum ans Ende des Tisches, straffte und räusperte sich. „Uns…“, er brach ab und räusperte sich erneut. „Unsere Herrin, die allmächtige Kleopatra, wird zu Euch sprechen.“
Der ganze Raum hielt wortwörtlich den Atem an.
„Danke, Flipmosis“, sagte Kleopatra kaum hörbar. Dann erhob sie ihre Stimme. „Ich weiß, die Liebe Eurer Gottkönigin geht euch über alles in der Welt. Für mein Wohlwollen lebt ihr. Oder…“, ein kurzes Stirnrunzeln, „…behauptet es zumindest.“ Den Sturm der Entrüstung schnitt sie mit einer routinierten Handbewegung ab. „Man sagt, ich sei schön.“ Allenthalben gemurmelte Zustimmung. Selbst Anopheles, sonst, wie Sie vielleicht gemerkt haben, kein Poet, wisperte: „Schön wie ein Sonnen…“, konnte sich dann offensichtlich nicht entscheiden, ob ein Sonnenauf- oder –untergang schöner sei, und ließ den Satz unvollendet.
„Euch, Ihr Gäste“, fuhr Kleopatra fort, „stelle ich hiermit die Frage: wieviel Liebe und Schönheit haltet ihr aus? Wieviel wärt ihr bereit, für das Höchstmaß an Liebe und Schönheit zu opfern? Für…“ – Kunstpause –  „mich?“
Allenthalben gemurmelte, flammende Treuebekenntnisse à la „Alles!“, „Mein Leben!“, et cetera. Kleopatra lächelte huldvoll. Auf ihrem Sechzehnjährigemädchengesicht sah solch ein huldvolles Lächeln fast unheimlich aus.
„Ich mache Euch, Ihr Herren, ein Angebot. Eine Liebesnacht mit mir soll bekommen, wer dafür mit dem Leben bezahlen will.“ Die Reaktionen hierauf waren durchaus frostiger.
„Ich wiederhole.“ Kleopatra wiederholte: „Wer von euch es begehrt, wird eine Liebesnacht mit mir, der Gottkönigin, der schönsten Frau der Welt, verbringen.“ Ihr kühler Blick strich über die Gäste, verfehlte mich aber erneut. „Und am nächsten Morgen standrechtlich hingerichtet werden.“
Ich schaute vorsichtig in die Runde. All jene ägyptischen Edelmänner, die vorher an ihren Lippen gehangen hatten, wussten vor lauter Peinlichberührtsein weder aus noch ein und studierten interessiert von ihrem Sitz aus die Wandmalereien. Anopheles gaffte nach wie vor Kleopatra mit halboffenem Mund an wie unser  heimischer Dorftrottel, Melanogaster.
„Dies ist“, erinnerte die Königin, „ein einmaliges Angebot, das für euch jetzt und nur jetzt gilt. Also, wer wagt es? Meine Gemächer sind hergerichtet.“
Stille.
„Begehrt niemand eine ganze Nacht mit einer Göttin?“
Einer der Edelmänner setzte sich auf seinem Kissen zurecht. Es raschelte etwas.
„Nun, wenn es so ist, ziehe ich das Angebot hiermit-“
„Wir melden uns!“
Anopheles hatte gesprochen. Entsetzt wandte ich ihm meinen Kopf zu und bemerkte, dass er seinen und meinen Arm in die Höhe gerissen hatte. „Was tust du?“, zischte ich.
Kleopatras Blick wandte sich uns zu. Diesmal schaute sie mir genau in die Augen. Konnte ich in ihrer Miene eine teuflische Befriedigung lesen? Nein, wohl eher nicht. Wäre aber dramatischer gewesen.
„Wir werden es tun, oh ja, wir“, sagte Anopheles, irre kichernd.
„Wohlan“, sagte Kleopatra, erhob sich und verließ den Saal durch die Samtrückwand, durch die sie gekommen war.
Sofort brandeten im Raum die aufgeregten Stimmen der ägyptischen Edelmänner auf.
Zwei Diener waren hinter unseren Sitzen erschienen, fassten unsere Arme und sagten: „Folgen Sie uns bitte.“ Es waren die beiden geölten Glatzköpfe, die vorhin die Insignien der Königin getragen hatten.
Wir wurden wie Delinquenten durch den Saal geführt, auf die samtverhangene Tür am Kopfende zu. Einer der Edelleute fing an zu klatschen, aber keiner seiner Kollegen fiel ein, so ließ er beschämt seine Hände wieder sinken.
Der erste der Glatzenmänner schob den Samtvorhang zurück, der zweite uns durch den Türbogen.
„Hören Sie“, sagte ich zu ihm. „Das ist ein blödes Missverständnis. Mein… Freund hier hat mich gegen meinen Willen dazu gedrängt. So verführerisch das ganze klingt, ich möchte doch lieber darauf verzichten.“
Der Kahle antwortete nicht und schubste mich mit einem hirnlosen Grunzen weiter. Ich wandte mich an Anopheles, der mit einem hirnlosen Grinsen neben mir marschierte.
„Bist du völlig bescheuert?“, fauchte ich. „Weißt du, wie tief wir jetzt dank dir in der Scheiße sitzen?“
„Cool down, Junge“, erwiderte Anopheles. „Ich hab dir grade nen Stich bei der schönsten Frau der Welt beschert, und du beschwerst dich noch immer.“
„Wir werden sterben, Anopheles!“ sagte ich, ihn an der Toga packend.
Anopheles wischte meine Hände weg und sagte: „Ich verstehe dich echt nicht, Alter. Früher warst du doch nicht so! Hat dich etwa das ewige Disputieren in der Schule von Athen… umgepolt? Wenn du verstehst, was ich meine.“
Mir war speiübel. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben, wenn du gerade dich und deinen besten Kumpel in den sicheren Tod geritten hast?“
„Mann!“ Anopheles verdrehte genervt die Augen. „Nun gib dich mal zufrieden mit dem, was du hast. Andere Leute rackern sich den ganzen Tag ab, schleppen Pyramidensteine, disputieren im Hain des Akademos rum und sterben gelangweilt im Bett. Wir sterben dafür ein bissel früher, dafür gibt’s bei uns keine Langeweile im Bett.“ Anopheles lachte in sich hinein. Ich schlug die Hände vors Gesicht.
„Und außerdem!“ Anopheles stach mit dem Zeigefinger in die Luft. „Warte erst mal ab, bis Kleopatra von meinen Liebeskünsten gekostet hat. Sie wird keinen Tag mehr ohne mein Mojo verbringen wollen und die Hinrichtung abblasen.“
Ich sah Anopheles hasserfüllt an. „Weißt du, was du bist?“
Die Antwort musste ich ihm schuldig bleiben, da die beiden Glatzköpfe an einer Seitentür halt machten. Sie zeigten auf den Griff und schnaubten einladend.
„Here we are“, sagte Anopheles und stieß die Tür auf. Ich zögerte und schaute einen der Glatzwächter an.
„Geh rein“, sagte er mit starkem Akzent. „Du wirst sowieso getötet.“
Kurz hatte ich ein Gefühl, das ich zuletzt als Kind hatte, wenn man mir mein Holzkrokodil Alexander wegnahm, nämlich den starken Impuls, mich einfach hier und jetzt auf den Boden zu setzen und zu heulen.
„Leck die Wand an!“, rief Anopheles aus dem Inneren des Raums. „Jetzt komm schon rein, Dicker!“
Kopfschüttelnd betrat ich das Schlafzimmer der Kleopatra. Es wurde beherrscht von einem breiten, mit orangefarbener Seide überworfenen Bett auf einem Podest. Der ganze Raum war mit verschiedenfarbigen Schleiern behängt, die teilweise bis auf den Boden reichten.
„Wenn das nicht knorke ist, dann weiß ich auch nicht“, sagte Anopheles. Die Tür hinter uns wurde zugeworfen und, dem Geräusch nach, ein Riegel vorgeschoben.
„Oh Mann, oh Mann!“ Anopheles trat voller Erwartungsfreude von einem Bein aufs andere. „Was meinst du, sollen wir die Togas schon mal ausziehen? Oder gehört sich das nicht? Wie ist das in Ägypten? Da habt ihr doch sicher was drüber gelernt, hm?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen. Ich mache hier nicht mit und bitte die Königin um Gnade.“
Anopheles sah mich grimmig an. „Du Waschlappen. Du erbärmlicher Schlappschwanz. Wenn du uns das jetzt versaust, hast du bei mir so was von verschissen…“
Ich drehte mich mit dem Rücken zu ihm und sagte: „Ich lasse euch einfach machen und schaue währenddessen zur Wand. Sobald du fertig bist, werde ich sie bitten, mich nicht zu töten.“
Da stieß Anopheles einen überraschten Laut aus.
„Willkommen, meine Liebhaber“, sagte die Kleopatra irgendwo hinter meinem Rücken.
Anopheles antwortete mit einem unartikulierten Laut. Er rüttelte mich an der Schulter und stammelte: „Schau sie dir an, Alter! Schau sie dir an! Sie ist Aphrodite persönlich!“
„Was hat dein Freund?“, fragte Kleopatra.
„Der… äh… will doch nicht“, sagte Anopheles und fügte hastig hinzu: „Aber ich will!“
Kleopatra lachte leise und sagte: „Musik.“
Irgendwo im Raum fingen Musikinstrumente zu spielen an. Niemand sagte etwas, ich hörte nur Anopheles’ Atmen, das sich anhörte, als stünde er kurz vorm Nervenzusammenbruch, und ab und an ein leises Lachen von Kleopatra. Ich konnte nicht anders, ich musste vorsichtig einen Blick nach hinten werfen.
Kleopatra trug nichts außer ein paar Perlenketten. Sie bewegte sich träumerisch zur Musik, während Anopheles unbeholfen an seiner Toga herumnestelte.
„Na bitte, jetzt schaut er doch“, sagte Kleopatra spöttisch in meine Richtung.
„Ich…“, sagte ich und fing mir einen bitterbösen Blick von Anopheles ein, der nurmehr im Lendenschurz dastand, „…ich will eigentlich lieber doch nicht.“
Kleopatra lachte auf. „Ich sag euch was. Eine Zusatzklausel, die ich bisher mit allen meinen Liebhabern vereinbart habe und die vielleicht doch noch euren Kopf retten könnte.“
„Zusatzklausel?“, sagte Anopheles. „Brauchen wir nicht. Wir können auch…“
Ich fiel ihm ins Wort: „Lass die Frau doch mal ausreden, Mann!“
Kleopatra faltete die Hände über ihrem perlenbehängten, spitzen Busen. „Sollte es einem von euch gelingen, dass ich heute Nacht etwas… fühle… seid ihr beide frei.“
„Zu einfach“, sagte Anopheles. „Dann kneif ich Sie halt einmal.“
Mit mildem Lächeln schüttelte Kleopatra den Kopf. „Ich meine innerlich. Im Herzen, wie ihr Griechen zu sagen pflegt.“
Anopheles grinste und zuppelte an den Bändern seines Schurzes herum. „Das wird kein Problem sein, Gnädigste.“ Und, an mich gewandt: „Sieh zu und lerne, Akademiestreber.“
„Nein, danke“, sagte ich und wandte mich wieder ab. Ich spürte den Druck auf mir lasten wie einen vollen Wassersack. Mein Darm meldete sich grollend. Ich schwitzte am ganzen Leibe und in meiner Brust hing etwas, das sich wie ein herauswollendes Schluchzen anfühlte. Ich starrte die schleierverhangene Wand an. Die Musik endete und die drei Musikerinnen, ihrerseits ebenfalls hübsche Mädelchen, schoben sich wispernd an mir vorbei zur Tür. Sie klopften kurz, der Riegel wurde geöffnet und sie wurden herausgelassen. Der Glatzenmann schaute mich grimmig an und schlug die schwere Pforte wieder zu.
„Ohhh, Kleo!“, hörte ich da hinter mir Anopheles stöhnen. Sie raschelten auf dem Bett. „Soll ich anfangen?“, fragte er.
„Nur zu“, erwiderte Kleopatra.
Eine Weile nichts, dann wieder Rascheln und Anopheles, der sagte: „Es… tut mir Leid.“
„Das war also das“, sagte Kleopatra.
„Nein, wartewarte, ich bin noch nicht fertig. Warten wir ein paar Minuten und…“
Kleopatra seufzte.
Eine Weile später versuchte es Anopheles nochmals; es schien diesmal auch länger zu gehen. Es war für mich entsetzlich, meinem Kumpel beim Liebesakt zuhören zu müssen und gleichzeitig zu wissen, dass wir, wenn er es nicht schaffte, unser Leben… nun, Sie wissen ja.
„Und?“, fragte Anopheles keuchend, als er fertig war. „Jetzt?“
Kleopatra antwortete anscheinend mit einer Geste, denn nach einem Moment sagte Anopheles: „Natürlich. Natürlich. Ich habe auch noch nicht alle Geschütze aufgefahren. Noch nicht alle Register gezogen. Darf ich noch mal?“
Kleopatra seufzte wieder.
„Du hast gesagt, wir haben die ganze Nacht!“, rief Anopheles.
Wieder seufzte sie.
Anopheles probierte es ein, zwei weitere Male, jedes natürlich mit demselben Ergebnis. Nachdem das anscheinend ziemlich traurige Schauspiel geendet hatte, hörte ich, wie er, pfeifend atmend, meinen Namen krächzte. Ich antwortete nicht. Er krächzte wieder.
„Was ist?“, fragte ich lahm.
„Mach du weiter. Ich habe sie angeheizt“, keuchte Anopheles.
„Nichts hast du“, sagte Kleopatra. „Ich hoffe, dass sich dein Freund nicht so stümperhaft anstellt, sonst erlebt ihr den nächsten Sonnenaufgang auf einen Pfahl aufgespießt.“
„Bitte, Patatopoulos“, flüsterte, nein, winselte Anopheles. „Rette unser Leben. Ich war unfähig – unfähig.“
An anderer Stelle hätte mich dieses Schwächegeständnis natürlich erfreut, doch in diesem Falle machte es all den Druck und die Panik und selbst das aufgeregte Innereiengegrummel noch schlimmer. Ich drehte mich um. Kleopatra saß, Wasserpfeife rauchend und düster vor sich hinstarrend, auf dem Bettrand. Anopheles kauerte an der anderen Seite und sah ziemlich geschlagen aus.
„In zwei Stunden geht die Sonne auf“, sagte Kleopatra sinnierend.
„Hat es eigentlich je einer deiner Liebhaber geschafft, nicht hingerichtet zu werden?“, fragte ich wider besseren Wissens.
Die Königin sah mich sphinxenhaft lächelnd an, und mein Gedärm antwortete mit einem gepeinigten Rumoren.
„Mach et, Keule!“, sagte Anopheles, rollte vom Bett runter und schleppte sich gebrochen und nackig hinter den nächsten Schleier.
Mein Herz schlug wie eine manische Galeerentrommel, als ich mich dem Bett der Königin näherte. Sie nahm das Wasserpfeifenmundstück zwischen ihren glänzenden Lippen hervor und blies einen dünnen Rauchstrahl aus. Dann stellte sie die Pfeife beiseite und schaute mich wenig erwartungsfreudig an.
„Also“, sagte ich mit rauher Stimme. „Dann will ich mal meine Toga ausziehen.“
Die Pharaonin hob die Augenbrauen.
Ich entledigte mich meiner Kleidung nur unwesentlich eleganter als Anopheles vorher. Ich zitterte am ganzen Leib.
„Patatopoulos!“, zischte Anopheles in meinem Rücken. „Wir werden sterben, wenn du diesen Stich nicht landest!“
„Danke für die Erinnerung, Anopheles“, sagte ich und stieg vorsichtig auf die Matratze, deren orangenfarbene Laken kaum in Unordnung waren.
Ich hockte der schönsten Frau der Welt auf ihrem Bett gegenüber. Sie musterte mich mit gelinder Neugierde.
„Und?“, sagte sie. „Wird das heute noch was?“
Ich nickte eselhaft und schob mich näher an sie ran. Ich atmete einmal tief durch und drückte ihr dann einen Kuss auf die Lippen.
Als ich meinen Kopf zurückzog, las ich Resignation in ihren Augen. Ich hörte Anopheles seufzen. „Biete ihr doch was!“
„Herrgott, Anopheles!“, rief ich. „Du hattest deine Chance, du hast sie vermasselt, dann sei wenigstens jetzt still.“
Nach einer Pause war aus Anopheles’ Richtung ein Geräusch zu vernehmen. Er schniefte und weinte vor sich hin wie ein Kleinkind.
Kleopatra verdrehte die Augen. „Ich zähle bis zehn, wenn du dann nicht loslegst, aber richtig loslegst, lassen wirs sein, ihr schlaft euch noch schön aus und werdet morgen gepfählt. Zehn!“, sagte sie, ohne unsere Reaktion abzuwarten. „Neun!“ Mir war speiübel. „Acht!“ Ich streckte die Hand nach ihrer Brust aus und zog sie wieder zurück. Nein, Brustfassen ist kein guter Anfang! „Sieben!“, zählte die Pharaonin weiter und schaute währenddessen schon wieder begierig auf ihre Wasserpfeife. „Sechs!“ Mein Gekröse war in blankem Aufruhr. Von meiner Kopfhaut übers Herz und meinen Magen bis zum Skrotum zog sich alles zusammen. „Fünf!“ Etwa hier kam ich zu der Einsicht, dass das nichts mehr werden würde. Dass wir es in dieser blöden Situation endgültig verschissen hatten. „Vier!“ Eigentlich merkwürdig, dachte ich. Das Leben lang macht man sich Gedanken, wie man wohl sterben wird, und nun weiß ichs und fühle mich auch nicht „Drei!“ klüger. Anopheles stieß einen klagenden Laut aus. Ich bemerkte das, was ich vorher als steckengebliebenen Seufzer in meinem „Zwei!“ Brustkorb interpretiert hatte. Dieses steckengebliebene Dings wollte ganz eindeutig raus. „Eins!“, zählte Kleopatra, nahm die leichte orangene Überdecke und warf sie sich über die Schultern. „Okay, Jungens!“, sagte sie. „Ich würde sagen-“
Da brach es aus mir raus: „Kommt ein Kamel in eine Schenke, sagt der Wirt: ‚Warum son langes Gesicht?’“
Kleopatra hielt in ihrer Tuchüberschulterwerfbewegung inne und schaute mich an.
„Patatopoulos, nein!“, jammerte Anopheles.
Die Lippen der Königin zogen sich zu einer Art Kussmund zusammen. Ich fühlte, mich, als stünde ich am Rande einer Bewusstlosigkeit.
Kleopatra sagte: „Noch so einen.“
Nach kurzer Überlegung sagte ich: „Was ist der Unterschied zwischen Römern und Griechen? – Nun, die Griechen können aus Römern trinken, die Römer aber nicht aus Griechen!“
Kleopatra lächelte verschmitzt und sagte: „Nächster.“
Ich: „‚Auweh, auweh, ein Krokodil hat mir ein Bein abgerissen!’ – ‚Um Anubis’ Willen, welches denn?’ – ‚Woher soll ich das wissen, die Viecher sehen doch alle gleich aus!’“
Kleopatra ließ ein kurzes, grunzendes Lachen hören. Anopheles zog sich mit neugierigem Gesicht an der Bettkante hoch. „Nee, oder?“, fragte er.
„Bitte! Der nächste!“, rief Kleopatra vergnügt und zog sich ihre Wasserpfeife heran.
Ich sagte: „Also. Zeus beschließt mal wieder, auf die Erde zurückzukehren, und zwar…“
So fand uns bei Sonnenaufgang der bucklige Diener: alle drei nackig auf dem Bette liegend, Wasserpfeife rauchend und lachend.
„Ah, Flipmosis!“, rief Kleopatra, sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischend. „Bring Er uns was zu essen, ja?“
Flipmosis stutzte. „Euch dreien?“
Die Pharaonin bejahte ungeduldig und verlangte von mir, noch einmal den Witz über die Loge der Athener Päderasten zum besten zu geben. Was ich natürlich gerne tat.
Auch beim Frühstück ging die Witzelei weiter. Selbst Anopheles konnte ein, zwei Gags einwerfen, während er mit gewohnt großem Appetit die bereitliegenden Früchte verschlang.
Als wir geendet hatten und die Spaßquelle so langsam zu versiegen begann, rief Kleopatra wiederum ihren Flipmosis und sagte: „Nimm Er diese beiden jungen Herren mit sich und kleide Er sie neu ein. Sie sollen mit einem der königlichen Boote zurück in ihre Heimat gebracht werden.“
Anopheles sah die nackige Königin mit vor Begeisterung – und teilweise wohl auch erneut aufkeimender Geilheit – offenem Munde an. Ich musste ihn an der Schulter rütteln, damit er sich vom Bett erhob.
„Und Flipmosis!“, fügte Kleopatra hinzu.
„Meine Herrin?“
Kleopatra sagte mit einem Seitenblick auf Anopheles: „Schneidet dem Vorlauten die Nase ab, ja?“
„Zu Befehl, Herrin.“ Flipmosis verneigte sich, während Anopheles’ Kinn nach unten sackte.
Plötzlich fing Kleopatra hysterisch an zu lachen. „Eure Gesichter! Eure entsetzten Gesichter! Herrlich. Herrlich!“
Wir stimmten unsicher in ihr Gelächter ein, und selbst Flipmosis rang sich den buckligen Verwandten eines Lächelns ab.
Kleopatra grinste breit. „Seid euch des Dankes der Ägypter sicher. Und nun – Isis befohlen!“
Sie stand auf und ging, nackig und mit Perlen behängt, in den hinteren Teil des Raumes. Unsere Blicke folgten ihr, bis ihr wippendes, weißes Königinnengesäß hinter den Schleiern verschwunden war.
Flipmosis packte uns bei den Armen – wenn auch merklich sanfter als die Glatzenmänner am Vorabend.
„So!“, sagte Anopheles, als wir barfuß über die Fliesen des Flures patschten. „Da habe ich also ungestraft mehrmals mit Kleopatra gepimpert und du hast uns mit ein paar billigen Pointen den Kopf gerettet.“
Ich nickte bedächtig und sagte: „Das glaubt uns in Griechenland doch wohl kein Schwein!“ „Oh doch!“, sagte Anopheles und wies grinsend auf seinen Hals. „Ich hab nen Knutschfleck!“

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