Die Hasengeschichte

oder: Danis dritter Blick

hasengeschichte

Als ich vom Gerumpel aus Danis Zimmer zu ihr gelockt wurde, ahnte ich nicht, dass mir eine alte, furchtbar traurige Erzählung bevorstand, die noch nach Jahren das Zeug hat, ein gemütliches, heiteres Beisammensein im Handumdrehen in das zu verwandeln, was man als Extremform des „betretenen Schweigens“ bezeichnen könnte. Dani war auf die Idee gekommen, ihr Zimmer umzuräumen, war aber auf halbem Wege stecken geblieben, weil sie gemerkt hatte, dass ihr Sofa gar nicht, wie sie ursprünglich beabsichtigt hatte, an die Wand neben der Tür passte – und zwar, nachdem sie ihr Doppelbett versetzt und das Sofa in die Zimmermitte gezerrt hatte.
„Das geht so nicht“, sagte ich fachmännisch zu Dani, aber die wollte das nicht hören und zerrte noch ein Weilchen weiter an diversen Möbelstücken, während ich auf der blauen Couch platznahm, die mit einigen Klein- und Kleinstteilen vollgestellt war, welche Dani aus ihren Schränken hatte nehmen müssen. Ich schaute mal, was das so war. Ein kleines Herzchen, das ihr vor mindestens zehn Jahren von einem Typen geschenkt worden war, von dem sie eigentlich gar nichts wollte, ein paar Schreibwaren und etwas, das aussah wie eine kurze, mit Fell bedeckte Stange an einem schwarzen Schnürsenkel. Ich nahm das Ding hoch und begutachtete es. Als ich merkte, dass unten aus diesem Fellstab verkrampfte Krallen und oben vertrocknete Sehnen hervorschauten, ließ ich es doch lieber wieder fallen. „Bah, Dani, was ist denn das?“
„Eine Hasenpfote“, sagte Dani, während sie ihren Schreibtisch halb weg- und dann doch wieder an seinen alten Platz zurückschleifte. Ich war viel zu bestürzt, um ihr zu helfen. „Das ist ja abartig!“, sagte ich zu Dani. „Wieso hast du denn hier eine trockene Hasenhand mit Schnur rumliegen?“
Dani hörte auf zu zerren und sah mich an. „Habe ich dir die Geschichte noch nie erzählt?“
„Nein“, sagte ich, unwissend, was das für eine Geschichte war.
„Also, pass auf.“ Sie setzte sich neben mich, hob die Pfote sorgsam vom Boden auf und schaute sie – wie eklig – fast liebevoll an. Die „Geschichte“, die sie mir erzählte, wurde in einem lakonischen, fast zynischen Tonfall vorgetragen – was dem Inhalt alles andere als entspricht.

„Als ich noch klein war, hatte ich einen Hasen“, fing Dani an. Ich fragte sie gleich, wie alt sie gewesen sei, und sie schätzte so acht Jahre. „Der war ein Stallhase, und wir hatten ihn bei uns auf dem Balkon. Da hat er gelebt.“
„Aha“, sagte ich. Dani strich mit ihrem Zeigefinger über die Krallen. Das sah aus wie eine Bewegung, die sie wohl schon oft gemacht hatte. „Wir haben damals in einer Mietwohnung gelebt, und meine Mutter hat der Gestank gestört, deshalb wollte sie den Hasen gerne weghaben. Ich hab den Hasen damals ziemlich liebgehabt. Deshalb hat meine Mutter gesagt, der Hase soll zu unserem Nachbarn kommen, der hat einen schönen großen Schrebergarten mit anderen Hasen drin, da wird es meinem Hasen gut gehen. Also bin ich mit meinem Stiefvater zum Schrebergarten vom Nachbarn gefahren, ich mit meinem Hasen auf dem Schoß.“ – „Und beim Aussteigen ist die Pfote des Hasen aus Versehen in die Autotür gekommen und war ab?“, versuchte ich einen schwachen Witz zu machen. Dani schaute mich nur an, und ich merkte, dass es wohl nicht so gewesen war. Das wäre doch ein nettes Ende – der Hase würde mit Prothese in dem Schrebergarten leben, zusammen mit anderen Hasen, und Dani hätte als Erinnerung an ihr glückseliges Karnickel diese Pfote… aber, wie gesagt, Danis Blick sagte ein nicht so glückliches Ende voraus.
Dazu muss man vielleicht wissen, dass es bis zu jenem Zeitpunkt nur etwa zwei Blicke gab, mit denen Dani mich bedachte. Der eine war der, den sie bei den Gelegenheiten aufsetzte, wenn ich irgendwas falsch, schlecht oder gar nicht gemacht hatte, was ich hätte richtig, gut oder überhaupt machen sollen. Dieser erste Blick ist ein Blick wie ein Stoßgebet. Herrgott, wird er’s denn nie lernen? Oder wahlweise: Herrgott, muss ich das schon wieder selbst machen? Oder alternativ: Herrgott, glaubt der wirklich, er wäre witzig? Der zweite Blick, den sie aufsetzte, wenn ich etwas gut und zu ihrer Zufriedenheit erledigt hatte, ist nicht weiter erwähnenswert, er kommt sowieso recht selten vor. Dieser dritte Blick aber, den sie in diesem Moment hatte, verhieß nichts Gutes. Und zu meiner Beunruhigung hatte er diesmal gar nichts mit mir zu tun, sondern…

„Wir sind also zu dem Garten gefahren und da ausgestiegen. Der Nachbar hat schon auf uns gewartet.“ – „Wie sah er aus?“, fragte ich. Solche Nebendetails möchte ich wissen – in Situationen wie dieser, wenn ich darüber Sachen schreibe, stellen sie sich als sehr hilfreich heraus. „Ein ziemlich derber Bauernkerl“, sagte Dani. „Jedenfalls kam mir das damals so vor.“ Und das verhieß wiederum nichts Gutes.
„Der Herr Jasow.“ Dani fing an, versonnen über das tote Hasenfell zu streichen, was ich immer noch recht eklig fand. „Herr Jasow hat uns begrüßt und mir den Hasen abgenommen. Ich dachte, toll, jetzt kommt er zu den anderen Hasen.“ Den Namen des Nachbarn habe ich selbstverständlich geändert, damit Sie, liebe Leser, ihm nach der Lektüre dieser Zeilen nicht Hassbriefe schreiben. Denn…

„Herr Jasow hat meinen Hasen bei den Ohren genommen und die Ohren – zack! – durch so einen Fleischerhaken gesteckt. Dann nahm er einen Baseballschläger…“ – „Waswaswas?“, schrie ich erschüttert. Dani fuhr fort: „…holte aus und haute dem Hasen mit voller Wucht auf den Kopf. Der Hase war noch nicht gleich tot und fing an zu schreien. Weißt du, wie Hasen schreien?“ – „Nein“, sagte ich heiser. Ich hatte noch nie einen Hasen schreien hören. Zu meinem Glück, möchte ich sagen, denn:

„So ein verletzter Hase schreit ganz hoch, ganz schrill, so wie ein kleines Baby. Richtig furchtbar hat er geschrien. Dann holte Herr Jasow noch mal aus und knallte dem Hasen wieder den Baseballschläger auf den Kopf, und da war er tot.“ Dani ließ hier keine Pause, um das alles wirken zu lassen, sondern fuhr gleich fort, noch kürzer angebunden als vorher. „Dann hat Herr Jasow mit einem Fleischermesser dem toten Hasen seinen einen Vorderfuß abgeschnitten und mir in die Hand gedrückt. ‚Da‘, hat er zu mir gesagt, ‚die bringt Glück.‘ Ich war so richtig starr vor Entsetzen.“
„Das glaub ich“, brachte ich raus und stellte mir die entsetzte achtjährige Dani mit einem blutigen Hasenstumpf in der Hand vor. „Hat der Herr Jasow das denn nicht gewusst, dass du glaubst, der Hase kommt in seinen Garten?“
„Weiß ich nicht, ob er das gewusst hat, ich glaube aber schon, und es war ihm halt egal. Jedenfalls sind wir dann nach Hause gefahren. Mein Stiefvater war auch ziemlich erschrocken. Und ich war meiner Mutter richtig böse, weil sie das so eingefädelt hat.“
„Ja, aber deine Mutter hat ja wohl auch nicht gewusst, dass der Jasow das so macht, oder?“
„Nee, wohl nicht“, sagte Dani kurz. „Ich hab dann jahrelang nie mehr Hasenfleisch gegessen.“
„Kann ich auch irgendwie verstehen“, sagte ich.
„Ab und an lagen bei uns in der Kühltruhe noch ausgenommene Hasen vom Jasow, eingefroren, ohne Fell, die Ohren weg, nur noch die Augen drin, die so nach oben starren. Gnääh!“ – Dani imitierte die toten steifen Hasen in der Kühltruhe. Ich vermute, dass die genannte Kühltruhe die ist, die jetzt in unserer WG-Küche steht und in der meine Fertiggerichte liegen. Ich fühle mich unbehaglich dabei.

Dani zeigt mir die Hasenpfote, vor der ich mich jetzt weniger ekle. „Guck hier, die Krallen sind ganz verkrampft, wohl vor Schmerzen.“
„Ja, äh“, sage ich. „Und die Pfote hast du dann präparieren lassen?“
„Nee, die lag dann auf unserem Balkon“ (Dem Balkon, auf dem der Hase früher gelebt hatte.) „und ist da ziemlich ausgetrocknet. Und dann habe ich sie genommen und eine Kordel durchgezogen.“ – „Du als achtjähriges Mädchen“, sagte ich leise. Eine kurze Weile war dann Ruhe. Dann sagte Dani fröhlich: „So, wollen wir was essen?“, und stand auf. Ich brauchte erst einmal eine Zigarette, blieb dann aber doch sitzen, während Dani in die Küche ging, rumklapperte, irgendwas aus der Kühltruhe nahm et cetera.

Die Hasenpfote hängt jetzt an dem Nagel vor Danis Zimmer, und die Erzählung, die Sie eben hörten, ist unter dem Namen „Danis Hasengeschichte“ in unserem Bekanntenkreis zu beachtlichem Ruhm gekommen. Das erste Mal, als sie sie den Anderen erzählte, war, wie ich mich erinnere, am Konstanzer Zeltfestival dieses Jahr. Wir saßen vor dem Festzelt im Kreis auf dem Rasen und ließen ein Tetrapak von „Maître Philippe“ rumgehen, einem widerlichen Weinverschnitt, von dem ich Ihnen, lieber Leser, an dieser Stelle lieber abraten möchte. Die Stimmung war gut, und ich rief Dani zu: „Komm, Dani, erzähl doch mal ein paar Schwänke aus deiner Jugend!“
Für mich unfassbar, fing Dani dann mit der Hasengeschichte an. Als sie fertig war, war die Stimmung nicht mehr so gut, und alle schwiegen ziemlich betreten. Manche von ihnen bekunden Dani heute noch ihre Kondolenz zum frühen Dahinscheiden ihres Balkonhasen. Jemand hat sogar die Vermutung geäußert, dass der Grund, warum Dani sich heutzutage immer schwarz kleidet und wohl das darstellt, was man landläufig fälschlicherweise als „Gruftie“ bezeichnet, ihre frühe Konfrontation mit dem Tod in Form des Hasenmordes ist. Das glaube ich eher weniger.

Ich schreibe diese Zeilen, damit Dani diese Geschichte nicht mehr zu erzählen braucht. Sie nimmt mich jedes Mal sehr mit. Mittlerweile hat Dani auch ihre Erzählweise verfeinert und endet zuweilen mit den Worten: „Noch heute wache ich nachts manchmal schweißgebadet auf und höre das Schreien meines sterbenden Hasen.“ Das hört sich zwar sehr originell und reißerisch an, ist aber ganz klar vom „Schweigen der Lämmer“ geklaut. Bald hat Dani Geburtstag, dann wird sie diesen Text sehen. Inzwischen finde ich es aber gar keine so gute Idee, ihr zum Wiegenfest eine neue Version ihres traumatischen Schlachtungserlebnisses zu präsentieren. Aber sei’s drum.