Das Gleichgewicht wankt

gleichgewicht

Im Zuge meiner bescheidenen journalistischen Tätigkeit verschlug es mich nach Leipzig, wo ich auf meinem Hotelzimmer Zeuge eines Kampfes auf Leben und Tod wurde. Das Hotel befand sich in der Leipziger Altstadt, jedenfalls dem, was ich dafür hielt, in einer Stadt, die nach meinem laienhaften Urteilsvermögen zu drei Vierteln aus Altstadt besteht. Ich lag mit zwei anderen lieben Kollegen auf einem Zimmer im fünften Stock des alten Stadthauses mit den hohen Fenstern und Stuckdecken. Am Abend des Kampfes waren die Kollegen auf irgendeiner Pressekonferenz oder Veranstaltung, die ich aus verschiedenen Gründen nicht besuchte, und ich war allein zurückgeblieben. Die Fenster besaßen breite Fensterbretter, die bestens dafür geeignet waren, sich zum Rauchen draufzusetzen. Und das tat ich auch, während Leipzig langsam in die Nacht hineinrutschte. Ich war frisch geduscht und ließ meine Brusthaare lufttrocknen. Aus einem Fenster in der Häuserzeile an der anderen Straßenseite schaute eine Frau in einem ausgeleierten BH. Die Frau hatte wohl schon bessere Tage gesehen, ebenso wie übrigens ihr Mieder, dessen Nähte ich selbst von meinem entfernten Fenster knirschen zu hören vermeinte. Vor dem Dönerstand in einem anderen Hause hatte sich eine Gruppe eingeborener Jugendlicher zusammengerottet und teilte sich irgendeine Speise.

So ließ ich meinen Blick in die Ferne schweifen und merkte zuerst gar nicht, was direkt vor meiner Nase geschah, nämlich ein archaischer und sehr ungleicher Ringkampf. Irgendwann entdeckte ich auf dem Fensterbrett die Wespe, die sich wie in einem epileptischen Anfall krampfend von einer Seite auf die andere warf und dabei mit ihren Beinen um sich strampelte. Nach kurzer, eingehender Betrachtung erkannte ich, dass sich auf ihrem Rücken etwas festgesetzt hatte, das ich zuerst für eine Ameise hielt. Es war aber eine Art Spinne, die die Wespe beharrlich einsponn. Sehr schnell hatte sie die hinteren Beinpaare und die filigranen Flügel der Wespe an deren Körper gefesselt, sodass das viel größere Insekt nicht mehr als verzweifelte Liegestütz- und Robb-Bewegungen machen konnte, um sich zu wehren. Erstaunt ging ich mit dem Gesicht ganz nah an die beiden Kämpfenden heran.
Ich stand vor einem Gewissenskonflikt. Wenig hätte genügt, um die Spinne zu vertreiben oder gar zu töten, oder beide Kämpfenden schlicht vom Fensterbrett zu schnipsen. Doch würde das nicht heißen, in das natürliche Gleichgewicht einzugreifen? So eine Spinne muss schließlich auch etwas zwischen die Mundwerkzeuge kriegen, wer sollte ihr die fette Beute missgönnen, die sie mit so viel Ausdauer niedergejagt hatte? Außerdem sind Wespen ja auch Schädlinge, die mit ihren Feinden ebenfalls nicht zimperlich umgehen, wenn sie auf Raubzug sind. Ich wusste, dass Wespen die Bösen, die unproduktiven Schmarotzer sind, während die lieben, arbeitsamen Bienen ausschließlich Gutes tun und nur in äußersten Notfällen stechen, um dieses dann mit dem eigenen Leben zu bezahlen. Bienen produzieren Honig, den sie freundlicherweise uns Menschen überlassen, damit uns die Frühstücksbrötchen besser schmecken. Wäre das Opfer also eine Biene gewesen oder eine Kuh, deren einziger Lebenszweck bekanntlicherweise darin besteht, mit Freuden für den Menschen Milch zu produzieren, die wir als Butter unter den Honig auf die Semmeln schmieren – in diesem Fall wäre es meine moralische Pflicht gewesen, dem Nutztier zu helfen. Aber Moment – so furchtbar Spinnen äußerlich sein mögen, gehören sie nicht auch zu jenen Wesen, die dazu da sind, die Welt für uns Menschen angenehmer zu gestalten? Schließlich fangen sie mit ihren Netzen Fliegen und Mücken, um sie davon abzuhalten, uns zu nerven oder gar zu stechen! Also. Wenn ich mich wirklich entschließen sollte, in die Natur einzugreifen, dann doch eher zugunsten der braven Spinne, als der hinterhältigen, bösen, bösen Wespe, die ihren Tod sicherlich verdiente, Gott weiß, wieviele unbescholtene Bürger das Tier zur puren Belustigung gestochen hatte!

Ich rauchte also noch eine, sah der Wespe bei ihrem Todeskampf zu und fasste dann einen Entschluss. Sei es aus Sentimentalität, einem puren, typisch menschlichen Mitleid für die Unterlegenen, Schwachen, oder einfach aus Dummheit und Unbedachtheit – ich wollte der fast besiegten Wespe helfen. Dazu gehörte nicht viel. Mit meinem Einwegfeuerzeug fuhr ich in Richtung der Spinne, die sofort von ihrer Beute abließ und sich quer über das Fensterbrett in Sicherheit brachte. Das wäre geschafft. Doch was nun? Die Wespe hielt einen Moment inne und fing dann wieder an, sich hin und herzuwerfen und aus den Fäden der Spinne herauszuarbeiten. Ich sah, aus eigener Körperkraft würde das Insekt nicht freikommen. Die Bewegungen waren schon schwächer als vorher – bereits eine halbe Stunde hatte ich das Schauspiel verfolgt!

Ich suchte nach einem Werkzeug, um der Wespe die Freiheit wiederzugeben, denn mit meinen Wurstfingern würde ich da nicht viel ausrichten können. Nach einer Weile entschied ich mich für den Werbekugelschreiber, den ich in meiner Tasche fand. Ich fuhr die Mine aus und versuchte vorsichtig, der Wespe zwischen Fäden und Körper zu kommen. Das gestaltete sich schwierig, weil ich die hilflose Wespe ja auch nicht verletzen wollte, ich leider recht grobmotorisch veranlagt bin und die Flügel der Wespe nicht gerade die stabilsten sind – eine körperbehinderte Wespe in die Freiheit zu entlassen, kam für mich nicht in Frage. Aber die Spinne hatte das schon schlau angestellt – die Fäden waren klebrig und elastisch. Bald hatte ich sie etwas ausgeleiert, ohne dass sie gerissen wären. Ein paar der Fäden klebten nun an der Kulimine und die Wespe schaukelte untendran. Ich schüttelte vorsichtig, doch nichts ging. Die Wespe pendelte wie an einem Bungeeseil etwas auf und ab, aber kam nicht frei.

Die Operation nahm eine weitere halbe Stunde in Anspruch, in der ich einen zweiten Kugelschreiber zu Hilfe nahm. Doch es nützte nichts, ich bekam die Wespe einfach nicht frei. Sie war zu stark eingewoben und schon sehr, sehr schwach geworden. So konnte ich nicht arbeiten – sie half ja gar nicht mit! Ich musste die Aktion also als gescheitert ansehen. Vorsichtig legte ich die Wespe wieder aufs Fensterbrett und zog mich zurück. Sie machte nur noch recht unkoordinierte pro-forma-Bewegungen, wie wenn einer sich im Alptraum bewegt.

Ich setzte mich auf mein Bett und hatte ein schlechtes Gewissen. Was hatte meine Tat bewirkt? Eine nutzlos sterbende Wespe und eine Spinne, die mit leerem Magen ins Bett ging. Vielleicht hatte die Spinne sogar Familie zu Hause und musste jetzt ihren Kindern erzählen: „Liebe Spinnenkinder, heute hatte ich eine besonders schöne Wespe für euch als Beute, aber so ein dummer Mensch hat mich verjagt, um die Wespe zu retten. Das hat man nun davon, ich halte ihnen die Schädlinge vom Leib, und dann nehmen sie einem noch das Essen weg!“ Und die Spinnenkinder werden jammern und der Spinne den Schlaf rauben, sodass sie am nächsten Morgen ganz übernächtigt zur Arbeit kommt und vielleicht noch gefeuert wird… da habe ich ja wirklich was Schönes angerichtet. Der Mensch sollte einfach nicht in die Natur eingreifen, wieder einmal war es bewiesen.

Ein paar Stunden später ging ich wieder ans Fenster, es war mittlerwiele Nacht geworden, meine Brustbehaarung war größtenteils getrocknet, die BH-Frau war vom anderen Fenster verschwunden, sie war jetzt unten am Kebapstand. Natürlich hatte sie sich dazu etwas drübergezogen. Die Wespe lag tot auf dem Fensterbrett. Sie war vor Schwäche gestorben. Ich erwies ihr die letzte Ehre, indem ich sie vom Fensterbrett auf die Straße schnippte. Sobald ich das getan hatte, tat es mir auch schon Leid, denn so konnte sich die Spinne auch morgen nicht noch ein Stück kalte Wespe abholen. Zum zweiten Mal hatte ich in den Lauf der Natur eingegriffen, ein zweites Mal ein Fehlschlag. Zutiefst unzufrieden mit mir selbst schloss ich das Fenster und legte mich ins Bett.

Für Ihren tragbaren mp3-Spieler (oder so): „Das Gleichgewicht wankt “ – gelesen von Reiner Gehrmann.

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