Annalena Annalena

annalena

Weil Annalena Annalena abends anscheinend vergessen hatte, ihre Antibabypille zu nehmen, wurde sie am nächsten Morgen sehr früh von Säuglingsgekreische geweckt. Um sie herum auf dem Bett und dem Boden lagen Neugeborene, die wohl, während sie schlief, ihrem Schoße entkrochen sein mussten. Annalena Annalena stand vorsichtig auf und öffnete das Fenster, weil in ihrem kleinen Zimmer ein ziemlich schleimiger Geruch hing. Da merkte sie, dass es gegen ihre Tür wummerte – etwas leiser als das markbetäubende Babyschreien. Die Stimme von Frau Drosselmeyer, der Dame, bei der sie als Erstsemesterstudentin zur Untermiete wohnte, schrillte zu ihr durch. „Fräulein Annalena, machen Sie sofort auf! Fräulein Annalena!“
Annalena Annalena überlegte kurz, ob sie die Säuglinge irgendwie verstecken konnte, aber es waren einfach zu viele, knapp ein Dutzend, deshalb machte sie die Tür nur einen Spalt auf. Frau Drosselmeyer war ziemlich alt, ziemlich groß und ziemlich dünn. Ihre Lockenhaare hatte sie rot gefärbt und ihre Wangen zogen sich wie zu straff gespannte Zeltdächer runter zu ihrem spitzigen Kinn. Frau Drosselmeyer trug gewöhnlich Rollkragenpullover, weswegen Annalena Annalena vermutete, dass ihre Wangenhaut unten mit Strumpfhaltern straffgezogen und unter der Kleidung der Frau an irgendwelchen Körperpartien festgemacht war. Heute trug Frau Drosselmeyer einen Kimono, bei dem sie allerdings – sehr verdächtig! – den Kragen hochgeschlagen hatte. „Fräulein Annalena, dieser Krach“, sagte Frau Drosselmeyer mit ihrer heiseren Exkettenraucherinnenstimme, „ist ja nicht zum Aushalten und auch nicht erlaubt! Haben Sie etwa Babys in Ihrem Zimmer?“
„Nein -äh- Frau Drosselmeyer, ich hab nur den Fernseher laut an.“
„Fernseher laut an, wie?“ Damit stieß Frau Drosselmeyer die Tür rüde auf und stelzte hinein. „Da haben wir es ja! Babys sind im Zimmer nicht erlaubt! Die müssen raus, aber pronto!“
„Ja, ich weiß jetzt auch nicht genau, wo ich die hintun soll…“
„Woher haben Sie denn auch so viele Babys, Umhimmelswillen?“
„Die, das… sind meine.“
„Jedenfalls geht das so ja nun wirklich nicht. Entweder, Sie schaffen die Kinder sofort, aber so-fort hier raus, oder ich kündige Ihnen unverzüglich und fristlos Ihren Mietvertrag! Und ich werde dafür sorgen, dass Sie in dieser Stadt keine Besenkammer mehr mieten können! Ich kann das machen! Ich habe Beziehungen, wissen Sie! Ich saß mal im Stadtrat, Fräulein Annalena, das dürfen Sie nicht vergessen!“
„Ich weiß, Frau Drosselmeyer. Kann ich bitte mal ganz schnell jemanden anrufen?“
„Na, das fehlte ja noch. Und dann noch ein Ferngespräch, wie?“
„Neinnein, Ortsgespräch. Bitte, Frau Drosselmeyer, es ist dringend!“
„Schön“, sagte Frau Drosselmeyer missmutig. „Aber dass es mir nicht zu lange dauert! Und um elf sind die Blagen hier raus, ham Sie mich verstanden?“
Annalena Annalena versicherte Frau Drosselmeyer, dass sie das habe, und ging hinunter in die Küche, zum Telefon. Frau Drosselmeyer folgte ihr, ging aber ins Schlafzimmer. Während des Telefongesprächs zog sie sich dort ihren Kimono aus und schlüpfte in ihre Alltagskleidung – einen minzgrünen Rollkragenpullover und einen engkarierten Rock mit einem Gummizug unten an den Beinen, langen Strümpfen und orthopädischem Schuhwerk. Durch den Spiegel konnte Annalena Annalena die neugierig war, ob ihre Strumpfhalter-Theorie stimmte, kurz Frau Drosselmeyer nackig sehen. Die Theorie stimmte nicht – aber bemerkenswert war, dass, so straff die Wangen der Frau Drosselmeyer waren, ihr restlicher Körper, obwohl von außen dünn, nackt aussah wie eine nichtbenutzte Handpuppe. Schlaffe Runzelhaut schlabberte an manchen Stellen an ihrem Leib herum, Krampfadern überbrückten sich gegenseitig, und so weiter, ach, ich will das alles gar nicht weiter ausführen. Annalena Annalena nahm es allerdings zur Kenntnis.
„Faulskemper?“, fragte eine Stimme am andern Ende der Leitung.
„Erwin…“
„Annalenchen! Du sollst mich doch nicht im Büro anrufen!“
„Es ist dringend!“, sagte Annalena Annalena. Erwin Faulskemper war ihr Geliebter. Ein achtundvierzigjähriger dicker Geistheiler mit Frau und Kind. Er seufzte am andern Ende der Leitung. „Na, was hast du denn für ein Problemchen?“
Und Annalena Annalena erzählte Faulskemper die peinliche Geschichte mit den beinahe ein Dutzend Neugeborenen und fragte ihn um Rat – schließlich war er ja wohl der Vater! Faulskemper bestritt dies vehement. Er hatte auch allen Grund dazu; wegen eines Triebverbrechens vor einigen Jahren war er nämlich zwangskastriert worden. „Ich weiß nicht, mit wem du dich herumgetrieben hast, aber ich kann der Vater nicht sein, rein füsiologisch nicht!“
„Aber ich hatte doch sonst mit keinem Sex!“
„Dann wars der Heilige Geist“, sagte Faulskemper.
„Ist ja auch für den Moment egal, nur was mache ich mit den Neugeborenen?“
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann sagte Faulskemper: „Ich habs! Wie wäre es, wenn du die Kinder einem reisenden Zirkus anbietest? Die Zirkusse sterben aus und brauchen frisches Blut!“
„Ich weiß nicht“, sagte Annalena Annalena. „Irgendwie sind das ja auch meine Kinder! Ich will sie nicht irgendeinem rumreisenden Zirkusklüngel verschachern.“
„Tja, dann weiß ich auch nicht weiter. Du, jetzt is Mittagspause und ich bin verabredet! Wir sprechen uns heute Abend wieder, schüssi!“
Langsam legte Annalena Annalena den Hörer auf und dachte nach. Frau Drosselmeyer, die sich von hinten an sie herangeschlichen hatte, mischte sich krächzend ein: „Wissen Sie was, das mit dem Zirkus ist vielleicht gar keine so schlechte Idee, Sie! Die Kinder kommen rum in der Welt, haben Tiere zum Spielen, betätigen sich sportlich…“
Als Annalena Annalena nicht antwortete, fuhr Frau Drosselmeyer fort: „Aber bevor Sie alle elf Kinder zum Zirkus schicken, können Sie mir nicht vielleicht einen Gefallen tun?“
Wieder antwortete Annalena Annalena nicht.
„Könnten Sie mir wenigstens eins von ihnen abgeben? Wissen Sie, ich bin alt, und mir war es bisher noch nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Und, da Sie sowieso so viele übrig haben…“
Eine alte Jungfer, dachte Annalena Annalena. Damit hatte sie gar nicht mal so Unrecht. Frau Drosselmeyer hatte nur ein einziges Mal Geschlechtsverkehr erfahren, das war 1956 mit einem gelähmten Ex-Matrosen, der aber während des Aktes eingeschlafen war. Das wiederum wusste Annalena Annalena nicht. Nur ich weiß so etwas.
Annalena Annalena atmete tief durch und hub an: „Werte Frau Drosselmeyer, ich glaube nicht…“
„Natürlich kann ich mit Kindern umgehen! Ich wäre die geborene Mutter! Ich habe jede Menge Liebe zu geben!“
Das habe ich oft genug gemerkt, dachte sich Annalena Annalena bitter und sprach weiter: „Ich glaube nicht, dass ich meine Kinder weggeben will. Schließlich habe ich als Mutter auch Verantwortung für sie. Und bevor ich sie einem Zirkustrupp oder Ihnen anvertraue, behalte ich sie lieber und ziehe hier aus!“
„Was!“ – Frau Drosselmeyer war außer sich. „Das dürfen Sie nicht machen! Das dürfen Sie nicht machen! Keine vernünftige Frau behält freiwillig elf Neugeborene!“
„Ich schon“, sagte Annalena Annalena.
„Das dürfen Sie nicht, hören Sie, das dürfen Sie nicht! Das ist gegen den Plan!“
Da wurde Annalena Annalena auf einmal hellhörig. „Ein Plan? Was für ein Plan?“
„Nichts, der hat nichts mit Ihnen zu tun!“
„Natürlich muss er was mit mir zu tun haben, halten Sie mich für doof, Frau Drosselmeyer?“
„Ich… kann nichts sagen.“
Annalena Annalena drängte Frau Drosselmeyer rückwärts auf einen Küchenstuhl und fasste ihr mit einer Hand locker um den schildkrötigen Hals.
„Na schön, na schön, ich sags Ihnen.“ Frau Drosselmeyer schien weniger verängstigt als verärgert zu sein.
„Ich wollte ein Kind haben, da bin ich gestern heimlich in Ihr Zimmer und habe die Antibabypille mit einem Teilchen Puffreis ausgetauscht. Sie haben den Tausch ja gar nicht bemerkt und dachten, Sie hätten die Pille gestern gar nicht eingenommen – aber nein! Hah!“
Annalena Annalena war ziemlich erzürnt über die hinterhältige, wenn nicht sogar fotzige Frau Drosselmeyer und hatte im selben Moment fest beschlossen, die Kinder trotz aller Widrigkeiten zu behalten und nach bestem Wissen und Gewissen aufzuziehen. Aber bevor sie das tat, wollte sie lieber noch mit Erwin Faulskemper, ihrem Freund, Sie erinnern sich, sprechen. Sie ließ Frau Drosselmeyer los und sagte: „Ich muss jetzt kurz weg, wehe, Sie rühren meine Kinder an!“
Zur Sicherheit schloss sie noch ihre Zimmertür ab und ging aus dem Haus. Frau Drosselmeyer blieb im Stuhl sitzen und kicherte heimtückisch in sich hinein. Was Annalena Annalena übersehen hatte: als Vermieterin besaß Frau Drosselmeyer selbstverständlich einen Schlüssel für die Zimmertür.

Annalena Annalena wusste: wenn Faulskemper Mittagspause hatte, ging er normalerweise in das Chinarestaurant „Dimitrios“ am Ende der Straße, in der auch das Geschäftsgebäude von „Schückelmann, Faulskemper & Kollegen, Geisterheilungsgesellschaft mbH“ stand. Tatsächlich fand sie ihren Liebhaber dort vor, ohne Begleitung, sich einen Popel nach dem anderen aus der Nase ziehend und daraufhin genüsslich verzehrend. Vor sich hatte er einen Gin Tonic stehen. Zum Mittag aß er nie etwas; sein verkrusteter Nasenschleim war ihm offensichtlich genug. Trotzdem war Faulskemper schwammig und ziemlich wabbelig, praktisch ohne Gesichtszüge in seinem Hefekloßkopf, nur mit zwei Augen, die in sein Gesicht gedrückt zu sein schienen wie Rosinen, zwei in der Landschaft herumliegenden Nasenlöchern und einem schmalen Mund. Als er sie sah, konnte man in seiner kränklichweißen Visage durchaus Verärgerung lesen, die er aber schnell verbarg.
„Hallo, Annalenchen, du sollst doch nicht hierherkommen. Wenn dich meine Kollegen sehen!“
„Dann sagst du einfach, ich bin eine Erscheinung“, sagte Annalena Annalena, die sich seinem Tisch genähert hatte. „Ich muss noch mal mit dir sprechen, wegen dieser Kindersache.“
„Ja, also das kommt gar nicht in Frage. Das habe ich dir von Anfang an gesagt, wir können uns gerne treffen, aber von Chuwapoopoo werde ich mich nicht scheiden lassen.“ Chuwapoopoo war Faulskempers Gemahlin, eine eingeborene Amerikanerin, oder, wie böse Menschen sie früher nannten, Indianerin. Chuwapoopoo heißt soviel wie „Tränendes Auge“. Sie war eine wunderschöne Frau, bei der man sich fragte, wie sie es mit einem Schleimbatzen wie Faulskemper aushielt. Chuwapoopoo hatte Komplexe wegen ihres einzigen Makels, nämlich dem, dass ihre linke Brust weiter herunterhing als ihre rechte, was aber kaum zu sehen war, weil sie ihren Busen nach Indianerart mit einem breiten Lederkorsett um ihren Leib schnallte. Aber das nur so ganz nebenbei, um Ihnen mit meinem Wissen über die indianische Lebensweise zu imponieren.
Annalena Annalena hatte so eine Antwort von Faulskemper erwartet und reagierte deshalb gelassen. „Ich frage ein letztes Mal. Bist du dir wirklich sicher?“
Faulskemper verzog sein Gesicht schmerzvoll, jedenfalls so, dass er dachte, es sähe schmerzvoll aus – es erweckte eher den Eindruck, als wäre ihm ein unsichtbarer Riese mitten über sein Antlitz gelatscht. „Du weißt doch, es geht nicht anders!“
„Dann adieu“, sagte Annalena Annalena, „wir werden uns nie wieder sehen.“
„Ach, Annalenchen!“, rief Faulskemper. „Wenigstens zum Abschied noch ein bisschen rumknutschen, och koooomm!“
Aber Annalena Annalena war schon auf dem Weg aus dem Restaurant hinaus. Der Kellner, ein Pakistani, schaute ihr verwirrt nach.

Als Annalena Annalena zurück in ihr Haus kam, bemerkte sie sofort die verdächtige Stille. Aus der Küche kam nur leises Geraschel. Sie trat ein und fand Frau Drosselmeyer vor, die mit einem teuflischen Grinsen einen Batzen Geldscheine durchzählte. Dabei hatte sie ihre Lesebrille auf, ein widerliches rosafarbenes Gerät, für das sich selbst Dame Edna in Grund und Boden geschämt hätte.
„Was machen Sie da, Sie Unglückselige?“, rief Annalena Annalena aus.
Frau Drosselmeyer hob ihren Kopf und machte: „Schhhhh! Sonst wecken Sie noch das Baby!“
„Sie haben tatsächlich meine Kinder an den Zirkus verkauft und eines für sich zurückbehalten!“, schrie Annalena Annalena außer sich vor Zorn.
„Überrascht Sie das?“, sagte Frau Drosselmeyer. „Nun kommen Sie, machense mal keine Zicken, hier haben Sie tausend Euro, das ist ja wohl mehr als genug.“
„Das waren meine Kinder, Sie garstige Vettel! Mein eigen Fleisch und Blut, und sie verkaufen es eigenmächtig an einen Wanderzirkus!“
„Ach, Mensch, Sie hätten die Kinder doch nie durchgekriegt, überlegen Sie mal, Sie als alleinstehende Mutter!“
„Mit Liebe und einem kleinen bisschen Glück geht alles!“, sagte Annalena Annalena. „Sie haben gar nicht das Recht, meine Kinder wegzugeben!“
„Hahaha, und ob ich das habe! Bedenken Sie, ich saß einmal im Stadtrat! Mir können Sie nichts, Fräulein Annalena! Mir können Sie nichts!“
Tief seufzte Annalena Annalena, weil sie wusste, dass Frau Drosselmeyer damit natürlich Recht hatte. Nach einer Weile sprach sie leiser: „Sagen Sie mir wenigstens, an welchen Zirkus Sie sie verkauft haben.“
Die Vermieterin lächelte böse. „Den Teufel werd ich tun!“
Da gewahrte Annalena Annalena auf dem Küchentisch eine Quittung, gerade in dem Moment, als auch Frau Drosselmeyers Blick auf sie fiel. Ihrer beider Hände schnellten vor, aber Annalena Annalena war schneller, und sie las das Schriftstück.
„…Zirkus Vaffanculo? Gut, dann muss ich nur noch…“ Annalena Annalena machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer der Frau Drosselmeyer, die aufsprang und versuchte, ihr den Weg zu verstellen.
„Lassen Sie mein Kind in Ruhe!“, rief – Frau Drosselmeyer!
„Es ist mein Kind!“, schrie Annalena Annalena und stieß Frau Drosselmeyer mit Macht weg. Frau Drosselmeyer stürzte über den Stuhl, versuchte, sich an der mit gewaschenem Geschirr vollen Spüle festzuhalten, riss alles runter und wurde alsdann, auf dem Boden liegend, von Scherben überdeckt.
Im ordentlichen Schlafzimmer der Frau Drosselmeyer, über dessen Bett an einer Wandhalterung nebeneinander mehrere Massagestäbe in verschiedenen Größen und Formen hingen, stand eine kleine Wiege, in welcher Annalena Annalenas Säugling schlummerte. Sanft nahm sie das niedliche und sehr gut nach Penatenöl riechende Baby hinaus und trug es durch die Küche aus dem Haus. Noch draußen konnte sie durch das Küchenfenster Frau Drosselmeyer mit vor Wut zitternder Stimme Flüche und Verwünschungen keifen hören. „Sie krieg ich noch, Fräulein Annalena! Sie krieg ich noch!“, und einige schlimme Obszönitäten, die ich hier aber nicht wiedergeben möchte, nicht etwa, weil ich mir zu fein dazu bin, sondern weil ich nicht weiß, ob man sie mit F oder V schreibt.

Annalena Annalena war bekannt, wo der Zirkus Vaffanculo gastierte, nämlich auf dem örtlichen Festplatz. Ihr kleiner Junge war natürlich auch dabei, sie nannte ihn Edmund. Befriedigt stellte sie fest, dass Erwin Faulskemper wirklich nicht sein Vater sein konnte, da der kleine Edmund jetzt schon einen größeren Pullermann hatte als der erwachsene Faulskemper. Sie fragte sich unter den Zirkusangestellten durch, bis sie am Wohnwagen des Direktors ankam, Giancarlo Vaffanculo. Freundlich bat er sie herein. Annalena Annalena merkte sofort, dass Giancarlo Vaffanculo eigentlich eine Frau war, die sich als Mann verkleidet hatte, und zwar ziemlich schlecht. Sie hatte einen riesigen Busen, den sie zu kaschieren suchte, indem sie ein Kissen unter ihr Hemd gestopft hatte, um den Eindruck eines Bierbauchs zu erwecken. Lächerlicherweise schaute die untere Kante des Kissens unter dem Leibchen hervor. Ihre Bartstoppeln waren lediglich mit Augenbrauenstift auf die Backen getupft, auch ihr keckes Oberlippenbärtchen war nur gemalt.
„Iche bine Giancarlo Vaffanculo“, sagte sie mit nur mühsam in die tieferen Tonlagen gebrachter Stimme und einem furchtbar albernen italienischen Akzent. Annalena Annalena verdrehte kurz die Augen. Der Direktor bot ihr einen Stuhl vor dem erbärmlichen Schreibtisch an, der aus zwei großen leeren Gurkenfässern und einem abgerissenen Wegweiserschild („Krähenberg 2km“) bestand.
„Also, wasse seine Ihre Probleme?“
„Sie haben vor ein paar Stunden zehn Neugeborene von mir gekauft.“
„Nixe korrekte!“
„Sie haben keine Neugeborenen gekauft?“
„Doche, ‚abe kauft aber vonne Signorina Drosselmeyer!“
„Das waren aber eigentlich meine Kinder! Frau Drosselmeyer hat sie zu Unrecht verkauft!“
„Musse beweise!“
Annalena Annalena war aufgebracht. „Musse nix beweise, das sind meine Kinder und ich will die sofort wiederhaben, verdammt!“
„Nixe fluche hier! Hier anständige Circe, jawohl!“
„Geben Sie mir meine Babys zurück und ich werde anständig sein!“
„Musse beweise, sonst nix bambini!“
„Hier, sehen Sie, dieses Baby ist das elfte! Sehen Sie denn nicht die Ähnlichkeit?“ Sie hielt Edmund nach oben.
„Könne nixe sehen, isse mir egal! Musse bitte gehen!“
„Ich soll gehen?“
„Ja, musse gehen!“
„Verstehen Sie denn nicht? Gerade Sie als Frau müssen doch verstehen, wie sich eine Mutter fühlt!“
„Wasse? Iche nixe Frau! Iche Mann!“
„Verflucht noch mal!“, fluchte Annalena Annalena, stand auf, riss Giancarlo Vaffanculo das Kissen unter dem Hemd hervor und fasste seinen/ihren Busen an.
„Hier, ist das eine männliche Brust, häh?“
Giancarlo Vaffanculo trat einen Schritt zurück, sah sie einen Moment fassungslos an und fing dann an, bitterlich zu weinen. „Iche nixe Frau! Alle Leute sagen! Iche verletzte! Iche traurige!“
Damit sank Giancarlo Vaffanculo in sich zusammen und heulte hemmungslos.
Annalena Annalena schüttelte den Kopf. Hier war nichts mehr zu holen. Sie verließ den Wagen und schlich sich hinter das Zirkuszelt. Aus dem kleinen Nebenzelt, in dem die Tiere untergebracht waren, hörte sie bekanntes Babygeschrei. Sie stahl sich hinein. In diversen Käfigen waren gruselige Tiere untergebracht, mit denen der Zirkus die Leute erschrecken und begeistern wollte. In einem Stall saß der gefürchtete Mantabor, ein Wesen mit dem Kopf eines Löwen, dem Leib eines Vanillekipferls und dem Schwanz eines Menschen. Mürrisch schaute er sie an, doch sie kam unbehelligt an seinem Käfig vorbei. Im nächsten befand sich ein kolossaler Hase mit riesigen, geifernden Reißzähnen und dem Geweih eines Hirschen. Es handelte sich um den grausigen Wollmatinger, der nach dem Konstanzer Stadtteil Wollmatingen benannt war, in dem er lange Zeit gehaust und Jungfrauen verspeist hatte, bis er vom Zirkus eingefangen worden war. Der Wollmatinger fauchte sie an und funkelte mit seinen rotunterlaufenen Augen. Doch dann roch er, dass Annalena Annalena vor kurzem Kinder bekommen hatte und daher wohl in seinen Augen keine Jungfrau mehr sein konnte, so wandte er sich demonstrativ von ihr ab.
Vor dem Wesen im letzten der drei Käfige fürchtete sich Annalena Annalena am meisten – der Zirkus hatte es tatsächlich geschafft, eine echte Wilddrude einzufangen. Dieser gruselige Raubvogel, bekannt aus Film und Fernsehen, hatte den Kopf und den Busen einer Frau, aber einen großen Reißschnabel und den restlichen Körper eines Adlers oder so, jedenfalls irgendeines großen Krallenvogels. Es war sehr schauerlich. Glücklicherweise schlief die Wilddrude auf ihrem Ast, sodass sich Annalena Annalena bis zu dem Pappkarton schleichen konnte, aus dem das Kinderschreien kam. Und tatsächlich! Darin befanden sich ihre zehn Lieblinge. Schnell überzeugte sich Annalena Annalena davon, dass sie alle wohlauf waren, legte den kleinen Edmund dazu und nahm dann den Karton unter den Arm, um dem Zelte zu entfliehen. Das musste zu laut gewesen sein – die Wilddrude wachte auf und begann sofort, mit lauter Stimme zu plärren: „Aaaah! Ein Mensssschlein! Bluuuuut soll fliiiiiiiiießen! Bluuuuuuuuuuuuuuut!“
Annalena Annalena schrak zusammen und zischte der Wilddrude zu: „Psssssst! Ich bin doch eine von den Guten!“
„Ach so!“, antwortete die Wilddrude und kreischte nicht mehr. „Nix für ungut, ja?“, sagte sie und zündete sich eine Reval an.
Doch das Geschrei war schon genug gewesen. Die Zelttür verdunkelte ein dünner, aber großer und alter Frauenschatten. Frau Drosselmeyer hatte sie gefunden!
„Habe ich dich gefunden!“, schrie ihre unverwechselbare Stimme. In der Hand hatte Frau Drosselmeyer einen Revolver, den sie auf Annalena Annalenas Brust richtete. „Jetzt werde ich dich endlich der Polizei ausliefern, wo du hingehörst! Stell die Babys wieder zurück an ihren Platz!“
„Niemals!“, rief Annalena Annalena leidenschaftlich. „Eher würde ich sterben, als meine lieben Kinder im Stich zu lassen!“
„Das lässt sich einrichten!“ sprach Frau Drosselmeyer und grinste breit. Annalena Annalena stellte mit Schrecken fest, dass ihre ehemalige Vermieterin keine Backenzähne, sondern nur eine Reihe gelber Schneidezähne besaß, die wie die Bretter eines losen Zaunes vorne in ihrem Munde saßen und bei jeder Bewegung windspielhaft hin und herschaukelten.
Da legte die Wilddrude los: „Iiiiiih, was ist denn das für eine hässsliche alte Frau!“
Wir wissen heute nicht, was Frau Drosselmeyer am meisten daran aufregte: die Bezeichnung „hässsliche alte Frau“ oder die Tatsache, dass die Drude viel lauter und markerschütternder kreischen konnte als sie, Frau Drosselmeyer. Jedenfalls schrie sie zurück: „Halt den Reißschnabel, du blöder Vogel?“
„Bluuut soll fliiiießen!“, kreischte die Wilddrude wild drudend.
„Das wollen wir doch mal sehen!“ Entschlossen marschierte Frau Drosselmeyer auf den Drudenkäfig zu. „Komm, versuch es doch! Greif mich an!“, rief sie schrill und löste den Riegel am Käfig. Das ließ sich die Wilddrude nicht zweimal sagen, warf ihre halbaufgerauchte Reval weg, schoss aus ihrem Gefängnis, stieg kurz in die Lüfte und stieß dann auf Frau Drosselmeyer hienieder, die verzückt rief: „Jaaaaa!“ und in Richtung der Drude schoss. Die Wilddrude bohrte ihren messerscharfen Schnabel volle Pulle in Frau Drosselmeyers Brust und warf sie damit zu Boden. Dann machte sie sich daran, die Vermieterin zu zerfleischen.
Währenddessen schlich Annalena Annalena hinter dem Rücken der Drude aus dem Zelt. Sie blickte nicht zurück, denn das darf man bei Wilddruden nicht. Wilddruden muss man damit beeindrucken, dass man sie komplett ignoriert, dann tun sie einem nichts. Wenn man keine Angst hat, sind Wilddruden regelrecht devot und kommen manchmal sogar unterwürfig auf dem Boden zu einem hingekrochen, um sich streicheln zu lassen. Aber der Trick ist, ihnen nicht in die Augen zu sehen, sonst zerfleischen sie einen sofort. Das nur am Rande, falls Sie mal einer Wilddrude in freier Wilddrudenbahn begegnen. Viele Menschen mussten ihr Leben lassen, weil sie diesen Trick nicht kannten, und ich möchte nicht, dass Ihnen das gleiche passiert.

Auf dem Parkplatz vor der Festwiese stand ein großer Reisebus, auf den Annalena Annalena mit ihrer Babybox zurannte. Der Busfahrer, ein junger, gutaussehender Bursche namens Lars Reusch-Chitin, veranstaltete regelmäßig Kaffeefahrten mit älteren Herrschaften, sogenannten „Senioren“. Ihm gefiel Annalena Annalena sofort, als sie einstieg. „Was ist das für ein Bus hier?“, fragte sie gehetzt.
„Dieser Bus fährt zum jährlichen Heizdeckengipfel in Talinn. Wollen Sie mitfahren, junges Fräulein?“
Annalena Annalena lächelte ihn an. „Nichts würde ich lieber tun.“
„Das sind aber niedliche kleine Kinder!“, sagte Lars. „Sind das Ihre?“
„Ja, das sind meine. Sie sind heute erst auf die Welt gekommen!“
„Na, das ist ja ein Grund zur Freude.“ Er nahm eines der Kinder aus der Box und küsste es zärtlich auf den Kopf, bevor er es wieder vorsichtig zurücklegte. Hach, dachte Annalena Annalena. Das wäre ein guter Vater für meine Kinder. Aber der ist so attraktiv, der hat sicher schon eine Freundin oder sogar mehrere.
Lars Reusch-Chitin drehte den Zündschlüssel um und der Bus setzte sich in Bewegung, Richtung Estland. Die sogenannten Senioren waren sehr herzlich gegenüber Annalena Annalena. Einer gab ihr sogar eine batteriebetriebene Heizdecke, die sie über die Kinderkiste decken konnte, damit die Kleinen sich nicht verkühlten. Sie kamen sicher in Talinn an. Lars ließ Annalena Annalena auf seinem Hotelzimmer mit übernachten, wo sie knüppelharten Sex hatten, den Annalena Annalena viel besser fand als die Zärtlichkeiten Erwin Faulskempers, da Lars Reusch-Chitin auch einen wundervoll geformten Körper besaß. Jeden Abend sang er den Babys mit seiner wohlklingenden Stimme Schlaflieder vor. Und – was sie nie vermutet hätte – er war noch frei und wollte sie auf der Stelle zur Frau nehmen. So fuhren Lars und Annalena Annalena mit ihrem Seniorenbus und elf niedlichen kleinen Babys durch die Lande, sahen viel von der Welt und waren total glücklich. Und wenn sie nicht gestorben wären, würden sie sogar heute noch leben.

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